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Wer stört, kommt in den Käfig

Eine Posse um Recht und Gerechtigkeit — Teil 2

 

„Kuduva“, Käfig steht da vor dem Holzpodest mit dem Geländer, dessen Eingang flankiert wird von einem meist gelangweiltem Polizisten. Immer rechts im Gerichtssaal knapp vor der ersten Besucherreihe steht dieser Käfig, den ich auch gleich wieder betreten werde. Er ist weit genug weg, dass man von dem Geschehen unterhalb der Richterbank nur das versteht, was man als Angeklagter auch verstehen soll. Der Rest bleibt Gemurmel, wenn überhaupt was geredet wird. Meist nämlich setzt der Richter nur einen neuen Termin fest, etwa 3 Monate später. Zahlen muss man den eigenen Anwalt auch dann, wenn er kein einziges Wort gesagt hat. Oft geht das so über viele Jahre, Kläger und Beklagter werden regelrecht weichgekocht, gewinnen tun stets die involvierten Anwälte.
 

Immer wieder wurde ich in den letzten 19 Jahren in einem solchen Käfig als „weiße Sensation“ präsentiert, Gerichtssäle in Monaragala, Bandarawela und Galle, einer schäbiger als der andere wurden mir zu Lehrzimmern punkto Gerechtigkeit made in Sri Lanka. Diesmal freilich ist es doch irgendwie besonders. Ich weiß nämlich beim besten Willen nicht, warum ich wieder mal hier gelandet bin im Gericht von  Bandarawella. Dabei hatte ich mir so fest vorgenommen, nie wieder dieses Schmierentheater, nie wieder diese Ohnmacht, verdammt zum Schweigen im Käfig, egal was da an Unsinn und Lügen rumschwirren. Diesmal ist es das Jugendamt das mich verklagt hat. „Behinderung ihrer Arbeit“, lautet die Anklage. Wie genau diese Behinderung ausgesehen hat, was ich getan oder nicht getan habe, mit solchen Kleinigkeiten hält man sich in diesem Gericht nicht lange auf. Zugegeben, freundschaftlich kann man das nicht nennen, was die Damen und Herren der Behörde zum Schutz von Kindern und Jugendlichen, hier Probation genannt und mich verbindet. Meine Abneigung ist aufrichtig und öffentlich, richtet sich nicht nur gegen die Ausführenden sondern gegen das ganze System des sogenannten Kinderschutzes in Sri Lanka. Grundsätzlich werden vom Probation seit einigen Jahren Kinderheim gänzlich abgelehnt, als sogenannte Entwicklungszentren werden sie offiziell geduldet, geliebt sind sie auch nach der Umbenennung nicht, was man sofort merkt sobald man ein staatliches Kinderheim, sorry „Development Center“ betritt. Schäbig, gleichgültig, dreckig, eh klar weil sonst gibt’s ja keine Spenden. Trotzdem kommt dann in der Einrichtung so wenig Geld an, dass die dem Staat anvertrauten und damit direkt dem Probation unterstellten „Development Center“ finanziell nicht mal so developt sind, dass sie sich regelmäßiges Essen leisten können und damit aufs Betteln angewiesen sind. Und dann erst die Mitarbeiter!? Naja, kann man ja verstehen, wer will schon arbeiten, wo es nicht mal richtig was zum Beißen gibt, wo man immer der Depp ist, egal was man versucht und dann auch noch schlecht bezahlt wird?

Ja nicht wohlfühlen sollen sich die Kinder in den Heimen, also sollen sie, per Verordnung, alle drei Jahre aus der jeweiligen Einrichtung gerissen werden, aus der Schule, weg von Freunden um in ein anderes Heim, sorry, Entwicklungsanstalt, gesteckt zu werden.
Kinder in staatlicher Obhut werden sogar bloßgestellt, stigmatisiert, etwa am Welt- Kindertag, an dem sie Gruppenweise und als Heimkinder durch T-shirts kenntlich gemacht, durch die Straßen ziehen müssen, so geschehen 2016 in Badulla.
Zugegeben, im Kinderdorf von Little Smile sieht es anders aus, ganz anders. Die Kinder die hier landen, auch die vom Probation eingewiesenen, werden angenommen, mit all ihren Schwächen, mit all ihren Problemen. Jeder Mensch, gleichgültig seiner Rasse, Religion, seines Geschlechts oder seiner Herkunft hat ein natürliches Recht auf Würde, auf Respekt. Und dieses Recht gilt auch den offiziellen Kinderschützern gegenüber, egal ob sie vom Probation oder noch schlimmer von der sogenannten „Child Protection Authority“ kommen. Ich muss zugeben, man hatte mir eine Brücke gebaut. Ich solle die staatliche Anerkennung zurückgeben, dann wäre man von Staats wegen nicht mehr für uns verantwortlich und man würde mich in Ruhe lassen. 21 unserer Kinder in Mahagedara und zwar wirklich die ärmsten sind uns jedoch vom Gericht zugewiesen worden und damit ist das Probation für sie verantwortlich. Für diese Kinder gab es keine Lösung von dort, hier freilich könnten sie nach der Rückgabe der Registrierung nicht mehr bleiben. Darf ich meinen Frieden auf Kosten dieser Kinder verhandeln? Wie kann ich gerade die, um die sich wirklich Niemand kümmert, verraten, verkaufen? Ich kann es nicht!
Also fallen Jugendamt, Landratsamt und „Child Protection“ im Schwarm immer mal wieder in Little Smile ein und über uns her. Besonders auf meine Betreuerinnen haben sie es abgesehen. „Warum Sie denn noch immer nicht verheiratet sei?“ wird dann Luxmi gefragt, der man ankreidet, dass sie da arbeitet, wo sie schon als Kind war und die irgendwie verdächtig ist, weil sie die Kinder in ihrer Obhut wirklich mag. Wer immer da mit amtlicher Befugnis eindringt ist regelrecht besessen davon, etwas zu finden, aufzudecken, irgendwas muss doch faul sein, weil es nicht geben kann, was die sich nicht vorstellen können: Wir haben Ja gesagt, ich, Anka, unsere Betreuerinnen, ja sogar viele der älteren Kinder zu den kleineren. Der Stärkere hilft dem Schwächeren und wir fühlen uns als eine Gemeinschaft, fast schon wie eine Familie. Da schreien die Offiziellen vor Schmerz, so was darf es nicht geben. Kinder können außerhalb der eigenen Familie nicht glücklich sein, wo käme man hin, wenn jedes Kind, nur weil es ständig vom Vater misshandelt wird, gleich in so ein Heim laufen würde. Abschreckung ist angesagt. Schau her was deinem Kind blüht, wenn du auf den Gedanken kommst, es könnte ihm wo anders besser gehen. Reiß dich zusammen, mach die Türe zu, die Nachbarn brauchen ja nicht sehen, was drin passiert und dann erfahren wir auch nichts.  Ist doch für Alle das Beste, gerade auch für eine Abteilung, die politisch erwünscht, beweisen soll, wie gut es doch bestellt ist hier in Sri Lanka, mit allem und wie man hier für seine Kinder sorgt. Kann doch jeder sehen, wie die in strahlend weißen Kleidchen und kurzen blauen oder langen weißen Hosen, immer lächelnd und dem Touristen zuwinkend, die Straßen bevölkern, auf dem Weg zur oder von der Schule.

Nichts stört dieses wunderschöne Bild im strahlend leuchtenden Touristenparadies mehr als Little Smile, eine Einrichtung für Kinder die seit fast 20 Jahren weder abschreckt noch straft und weder die Probleme, noch die Kinder versteckt. Aber das ist ja noch nicht alles. Wenn die Lehrer in den staatlichen Schulen mit Stecken nicht nur rum laufen sondern diese auch „pädagogisch wertvoll“ einsetzen, die von Little Smile haben garantiert was dagegen. Die Little Smile Kinder sind nicht dreckig, zerlumpt und tanzen nicht mal, damit sie was zum Essen bekommen. Almosen nehmen die auch nicht. Da werden Lehrer und Lehrpläne in Frage gestellt und wenn dann ein Kind endlich 11 Jahre lang bewiesen hat, dass es nicht fürs Abitur taugt, dann wird es nicht einfach, stillschweigend, abgeschoben, bei irgendwelchen Verwandten, die sich bisher nie gekümmert haben, entsorgt, sodass ein Fall weniger die eh chronisch überlasteten Beamten belastet. Nein, die von Little Smile bieten auch den Kindern, die nicht in der Schule glänzen eine Ausbildung an, bei denen wird niemand auf die Straße gesetzt, vielmehr kann man so lange bleiben und lernen, bis man in der Lage ist, draußen zu bestehen. Wenn das nicht verdächtig ist!?!

In jedem Fall ist es gefährlich weil plötzlich könnten sich all die unterdrückten, verängstigten Mütter oder oft auch Omas trauen um Hilfe zu fragen, wenn es einfach nicht mehr geht mit dem Kind, ohne Geld, ohne Schutz, ohne die Chance auf Zukunft. In einer Gesellschaft, in der der Schein viel wichtiger ist als das Sein muss genau der gewahrt werden. Und da stört Little Smile, seine Unabhängigkeit, seine Ehrlichkeit und seine echte Fürsorge für die anvertrauten Kinder.

Und plötzlich ist mir klar, warum ich hier vor Gericht stehe. Klar, so einer wie ich der stört die „Arbeit der Kinderschutzbehörde“, der stellt diesen künstlichen Frieden in Frage, der zwischen vielen privaten und den staatlichen Kinderhelfern ganz gut funktioniert. «Ich tu dir nichts, du tust mir nichts und dann können doch alle ganz gut von diesen armen Kindern leben.»

FORTSETZUNG FOLGT