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Jenseits von Betroffenheit und Mitleid oder das „Kreuz mit der Nachhaltigkeit“

Es ist nicht leicht, angesichts der Flut von Horrormeldungen und Katastrophen sich an gegebene Versprechen nicht nur zu erinnern sondern sie auch einzuhalten! Was ist nicht alles passiert auf und mit dieser unserer Welt, seit am 26. Dezember 2004 eine gigantische Welle Zerstörung und Tod besonders über Sri Lanka brachte? Erdbeben, Kriege und jetzt wieder eine Katastrophe der Superlative in Japan, angesichts all dieser schrecklichen Bilder fällt es schwer sich vorzustellen, dass das, was vor vielen Jahren mit großen Versprechungen und Erwartungen hier begonnen wurde, noch immer Hilfe und Beachtung braucht und verdient.
Nur zwei Tage nach der Tsunamikatastrophe hier habe ich öffentlich versprochen: „Wir waren da als sich noch kaum Jemand um die Menschen in Not hier gekümmert hat und wir werden noch hier sein, wenn der Tross der Katastrophenhelfer längst weiter gezogen ist“.
6 Jahre, 3 Monate und 6 Tage sind seitdem vergangen und ich habe nicht einen Moment auch nur daran gedacht, dieses mein Versprechen zu brechen. Es war keine einfache Zeit, ganz und gar nicht!
Der Tsunami des zweiten Weihnachtstages 2004 traf Sri Lanka nicht nur mit voller Wucht sondern völlig unvorbereitet. Anders als 2011 in Japan kannte man hier nicht einmal dieses Wort TSUNAMI. Sri Lanka war ein Urlaubsland, man befand sich in der Hochsaison als die gigantische Welle, ausgelöst durch ein Seebeben, daherrollte und auf einer Länge von mehreren hundert Kilometern an der Küste Verwüstung und Tod hinterließ. Gerade in den klassischen Sri Lanka Urlaubsländern, aus denen also auch viele Opfer und Augenzeugen kamen, wie Deutschland, folgte der Flutwelle und dem ersten Entsetzen eine bis dato nie da gewesene Welle der Hilfsbereitschaft. Nie werde ich die Neujahrsansprache des damaligen Kanzlers Gerhard Schröder vergessen, in der viel von partnerschaftlicher Hilfe zur Selbsthilfe die Rede war und von Nachhaltigkeit. Doch wie es nun mal ist in einer Medienwelt, die ständig neue Sensationen braucht: Nach den Opfern kamen die Helden, danach einige Eröffnungen und dann die Skandale. Spätestens dann hieß es für den überwiegenden Teil der Hilfsorganisationen und Helfer: Weiterziehen! Wer schnell da und wieder schnell weg war, nachdem das allgemeine Interesse und damit die Spendenbereitschaft verebbten, der schuf sich gute Voraussetzungen, bei der nächsten Katastrophe, medienwirksam, wieder ganz vorne mit dabei zu sein. Wer aber hier blieb musste für das angerichtete Desaster büßen, eben die Suppe auslöffeln die andere eingebrockt hatten. Wie viel war in der ersten Begeisterung versprochen worden, wie viele Erwartungen waren geweckt worden, ohne klares Konzept, ohne ausreichende Überprüfung der Verwendung der Gelder, der Akzeptanz und Notwendigkeit dessen, was da gebaut wurde. Des Spenders Wille schien wesentlich wichtiger als die Sinnhaftigkeit vor Ort. Was soll beispielsweise eine Computerschule in einer Region in der es weder Lehrer für Englisch noch für Computer gibt und meist auch gar keinen Strom? Wem nützt Internet, wenn die Meisten weder lesen noch schreiben können und die Felder verdorren? Durch die Zweckbindung der Spenden konnte zudem nur in den schmalen von der Flut betroffenen Küstenregionen geholfen werden, die Not im Rest des Landes vergrößerte sich dagegen durch die nun steigenden Preise. Viele Organisationen halfen zudem im stark betroffenen Osten des Landes, der damals von dem tamilischen Separatisten kontrolliert wurde. Wie viel genau dorthin floss, wie viel Gelder insgesamt durch den Tsunami ins Land kamen, niemand weiß das. Und darum gab und gibt es viele Gerüchte und Verdächtigungen. Astronomische Zahlen schwirren durch die Zeitungen und sprengen die Zahlenvorstellung der meisten Menschen hier. Ein Grund dafür war auch, dass sich in den ersten Wochen nach der Katastrophe gerade auch Regierungen mit Hilfszusagen gegenseitig übertrafen. 100 Millionen hier, 200 Millionen da und 250 Millionen dort, wohlgemerkt Euro nicht Rupien! Was wirklich kam und wohin floss, all das war und ist bis heute Spekulation. Und als dann 2009 die Regierungsarmeen die Kämpfer der tamilischen Separatisten vernichtend schlugen, da fand man „in den befreiten Gebieten“ kaum Tsunamiprojekte. Wo also war das viele, viele Geld geblieben, von dem immer die Rede war? Und plötzlich drehte sich der Wind, blies den im Land verbliebenen Organisationen eiskalt ins Gesicht. Die Hilfsorganisationen aus dem Ausland hatten die Terroristen unterstützt, sie waren die eigentlichen Kriegstreiber die nicht nur betrogen haben sondern die Einigkeit Sri Lankas, den Frieden und die Zukunft der Menschen hier auf dem Gewissen hatten. So oder so ähnlich lautete plötzlich der Generalvorwurf. Weil aber die meisten Nichtregierungsorganisationen im Jahr 2009 längst das Land verlassen hatten, konzentrierte sich die Wut und Strafe auf diejenigen, die es ernst gemeint hatten mit der Nachhaltigkeit und darum noch hier waren. Pauschal wurden alle Nichtregierungsorganisationen nun dem Verteidigungsministerium unterstellt, für Ausländern, die länger als drei Jahre im Land waren, wurde das Visum nicht mehr verlängert wenn sie sich sozial engagiert und damit verdächtig gemacht hatten.
Enttäuschung, Wut, Neid, Verallgemeinerungen, auch lokale Hilfsorganisationen wie Little Smile bekamen diese Veränderung zu spüren. Doch ich hatte schon sehr früh gemerkt, dass wir nur für das gerade stehen können, was wir auch direkt verantworten. Und so habe ich und meine beiden lokalen Leiter Anton Weresingha und Shiran Silva alles über das Bauen gelernt, was man nur lernen kann und übernahmen all unsere Baustellen in Eigenregie. Einfach war das nun wirklich nicht, zumal uns der Bürgerkrieg im Osten zwischen 2005 und 2009 große Probleme machte, weil wir dort für zwei Kinderhäuser verantwortlich waren und sind sowie ein Krankenhaus und zahlreiche Häuser bauten. Auf gerade einmal 6 Wochen „Urlaub in der alten Heimat Deutschland“ kam ich seit dem Jahr 2006, also eine Woche pro Jahr. Tag für Tag und nicht selten auch noch in die Nacht hinein habe ich gekämpft für die Nachhaltigkeit der Projekte von Little Smile und dafür, dass jeder uns anvertraute Euro bestmöglich eingesetzt wird. Und weil all die Mühen zum Erfolg führten, weil von und durch Little Smile Werte geschaffen wurden, stieg die Anzahl der Neider.
Nach dem Ende des Bürgerkrieges wagten sich die Grundstücksspekulanten in die Gegenden Sri Lankas, die bis dahin tabu waren. Auch in Koslanda, wo mit dem Kinderdorf Maha Gedara, dem Naturschutzgebiet „Little Smile for Nature“ dem Bubenhaus auf Hill Top und der Organischen Farm in Dikkapitia, einige der Hauptprojekte der Organisation sind, stiegen plötzlich die Preise für Grund und Boden. Gerade auch durch unser Engagement im Bereich des Naturschutzes und der Wiederaufforstung war diese Region plötzlich interessant für eine ökotouristische Entwicklung. Allen voran der tamilische Minister Sentil Tondaman wollte sich bereichern und begann einen Privatkrieg gegen mich und Little Smile, der mich im August 2010 sogar unschuldig ins Gefängnis brachte. Nur dank der Unterstützung gerade aus Deutschland kam ich nach schlimmen Tagen und Nächten wieder frei. Die Drohungen und Angriffe auf mich gehen jedoch bis heute weiter. Sogar öffentlich hat einer seiner engsten Mitarbeiter Ashok Kumare versprochen, mich zu töten. Nach einem Angriff auf mich am 7. März dieses Jahres in der tamilischen Schule, die auch 43 Little Smile Kinder besuchen und die wir massiv unterstützen, wurden die Fakten trotz zahlreicher unabhängiger Zeugenaussagen, auf Druck des Ministers so geändert, dass nicht der Angreifer sondern die Opfer, also ich und meine engsten Mitarbeiter, vor Gericht angeklagt wurden.
Ich glaube, es ist nachvollziehbar, das man sich unter solchen Umständen manchmal schwer tut mit der Selbstmotivation. Und genau darum ist es so wichtig, zu spüren, dass man, dass ich nicht alleine bin, dass auch sie es ernst meinen mit dieser so oft zitierten und so selten praktizierten Nachhaltigkeit, sprich, dass etwas weitergeht, über das hier und heute hinaus, jenseits von Betroffenheit und Mitleid. Da fängt dann erst die partnerschaftliche Hilfe an, eine Hilfe, die nie eine Einbandstraße ist, wie jeder, der je hier war, bestätigen wird.
Little Smile wurde von mir als Kinderhilfsorganisation in einem Land gegründet, in dem Schein und Sein oft weit auseinander liegen. 12 Jahre später steht Little Smile dafür, dass allen Schwierigkeiten zum Trotz, Helfen Sinn macht und Sinn stiftet, dass man ohne Korruption und faule Kompromisse einen Weg finden kann, um genau das zu tun, wofür einem Menschen in der fernen Heimat vertrauen.
Danke für all ihre Gedanken, Gebete, Briefe und dafür dass sie mit uns an etwas glauben und bereits sind etwas dafür zu tun.

Little Smile Maha Gedara am 1. April 2011

Ihr
Michael Kreitmeir