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Phase 77: Oktober bis Dezember 2018

Faszination Lesen: Es war nicht leicht die richtigen Bücher zu finden, um den Kindern eine Welt zu erschließen, bunt, reich an Abenteuern und Abwechslung, grenzenlos. Kein noch so guter Film kann da mit aufgeschriebenen Geschichten mithalten, in die man eintauchen kann. Ob Märchen, Liebesroman oder Harry Potter, Anka kennt „ihre“ Kinder und weiß, was zu wem passt. Und so ist der Büchertausch am Sonntagvormittag in unserer Bibliothek einer jener wöchentlichen Termine, auf den manche Kinder sehnsüchtig warten.
Auch der tamilischen Schule im Nachbarort Koslanda haben wir eine Bibliothek spendiert. Schränke, Tische, Stühle, alles ist „made in Little Smile“. Und auch so manches Buch kommt von uns, denn zuerst einmal geht es darum die Lust am Lesen zu wecken und dafür eignet sich die oft trockene amtlich verordnete Literatur der Schulen kaum. Bei der Eröffnung der Schulbücherei steht Bawanis Tochter Dhiviya, die für die Bücherei verantwortlich ist, links neben Michael Kreitmeir.
Dieses Motto von Little Smile lässt sich in etwa so ins Deutsche übertragen:
HELFEN BEDEUTET NICHT ALMOSEN GEBEN
HELFEN BEDEUTET VIELMEHR, DIFFERENZIERT DIE HAND ZU REICHEN.
Seit ihrem zweiten Lebensjahr sind Sudu und Sandu im Kinderdorf. Die sechsjährigen Zwillinge unterscheiden sich von den meisten ihrer Klassenkameradinnen durch ihr Selbstbewusstsein. Ich bin wer, ich traue mich, weil ich geliebt werde.
Alle Apelle an die Ordensleitung waren vergeblich. Schwester Lucrece, die das „Maria Theresia College“ in Kalmunai Schritt für Schritt aufgebaut und vom ersten Tag an mit gütiger aber auch strenger Hand geführt hat, wird versetzt. Mitte Oktober macht die Schwester ihren „Abschiedsbesuch“ im Kinderdorf. Uns bleibt nur, ihr Gesundheit und den Segen Gottes zu wünschen und sie zu trösten, denn der Abschied von Ihrer Schule fällt der alten Schwester sehr, sehr schwer.
Die Regenzeit der zweiten Jahreshälfte kommt in diesem Jahr ungewöhnlich spät. Erst in der zweiten Oktoberhälfte beginnt es regelmäßig zu regnen, dann aber oft mit tropischer Gewalt. Trotz Erdrutschen und Überschwemmungen, die Menschen in Sri Lanka hoffen auf ergiebige Regenfälle, gab es doch schon im vergangenen Jahr durch zu wenig Regen eine Missernte bei Mais und Reis.
Ganz und gar nicht brauchen wir den Regen, wenn es darum geht unseren Pfeffer zu verladen. Die geringste Nässe von oben und wir können den Export vergessen. Also wird mit der Verladung in der Farm in Dikkapitiya kurz nach Mitternacht begonnen, sodass wir vor 10 Uhr am Morgen die mehr als 1000 Säcke sicher in den beiden Lastwagen verstaut haben. Von da geht es zum Hafen in Colombo, 9 Stunden Fahrt als erste Etappe einer 6 wöchigen Reise mit Ziel Mannheim.
Die zahlreichen Zahnlücken sind für uns sicheres Indiz, dass die Pubertät noch weit entfernt ist. Gerade bei unseren Kleinen im Wisdom-Haus können Anka und Michael Kreitmeir immer mal wieder auftanken. Die Zeit vergeht schnell genug, eigentlich viel zu schnell und bald werden auch die unbeschwerten Tage mit Doni, Udeshi und Co nur noch Erinnerungen sein.
Immer wieder müssen wir erleben, wie schlecht die Gesellschaft viele junge Menschen auf das Leben vorbereitet. Da voreheliche Beziehungen nicht toleriert werden und man über Sexualität nicht einmal spricht, stolpern viele Jugendliche viel zu früh in die Ehe. Wer den ganzen Tag in der kleinen Hütte mit dem Baby nur auf die Rückkehr des Mannes wartet, hat viel zu viel Zeit zum Grübeln. Oft genügt dann ein fehlgegangener Anruf, um das spärliche Vertrauen zu erschüttern.
Zweifel haben die junge Mutter in den Tod getrieben, sie hat sich in ihrem Zimmer aufgehängt und lässt einen verzweifelten Ehemann, gerade mal 20 Jahre jung und ein Baby zurück. Sir Lanka hat eine der höchsten Selbstmordraten der Welt.
Die Jugend genießen, lachen, sich freuen, unbeschwert sein. Nur wenige junge Frauen in Sri Lanka können so frei und selbstbestimmt aufwachsen und langsam erwachsen werden wie Niroshani und Grace in Little Smile. Die Hand reichen, den Weg zeigen, ermahnen aber nie verurteilen, Vertrauen schenken und nie fallen lassen. Sich erproben, wachsen und immer zu wissen: Da gibt es jemanden, der zu mir hält, jemand zu dem ich gehen kann auch wenn ich mal Mist gebaut habe.
Mit Hochdruck wird ab Ende Oktober gepflanzt, damit der Regen das Anwachsen erleichtert. Nicht nur, aber besonders in unserer Farm in Dikkapitiya wird nun gegraben und gedüngt, das Unkraut war bereits vorher ausgehackt worden. Neben Tee, wie hier vor der Farmhalle werden auch zahllose Bäume gepflanzt, Ende 2018 besonders Jackfuchtbäume. Das singhalesische Wort für Jack ist Kos, Koslanda bedeutet das Land der Jackbäume. Doch selbst hier sind sie fast verschwunden. Statt jammern, pflanzen, hegen und pflegen und auf das Wasser von oben hoffen.
Auch wenn das Jugendamt das nicht gerne hört, weil für die Offiziellen Kinderheime nur Notaufbewahrungen sein sollen: Little Smile ist eine große Familie. Und dazu gehört es auch, dass die Kinder, die dem Da-Heim entwachsen sind eines Tages zu Besuch kommen und stolz ihre Kinder, also sowas wie die Enkel präsentieren. Ende November ist es Darshani, die mit Mann (links) und Tochter zu Besuch kommt. Ihr Bruder Samire (im schwarzen Shirt) kommt regelmäßig hier vorbei, es gibt viel zu erzählen, viele Erinnerungen austauschen an die, so Darshani, schönste Zeit des Lebens.
Er war lange von dem Geschwür mitten im Gesicht gezeichnet, wurde immer schwächer. Schon vor zwei Jahren hat der Krebskranke seine beiden Töchter Michael Kreitmeir anvertraut. Und dann stirbt er, am Ende sicher eine Erlösung. Für die beiden Mädchen aber ein schlimmer Schock, als sie an die Bahre des toten Vaters treten, sein Körper hart und eiskalt. Wo Worte des Trostes versagen bleibt nur Halt geben, da sein, die Angst nehmen. Du bist nicht allein und wenn die Tränen getrocknet sind, werde ich immer noch da sein!
Bei über 100 Kindern kann rein rechnerisch fast jeden dritten Tag gefeiert werden. Ein Ständchen, einen Kuchen, einen Tag frei auch von den kleinen Pflichten des Alltages, weil der Geburtstag eben kein Tag ist wie jeder andere. Und wenn es sich wie bei Grace im roten Kleid um einen wichtigen handelt – und der 16. Geburtstag wird nur noch vom 18. getoppt, dann gibt es schon mal ein kleines Fest zusammen mit Anka, Michael Kreitmeir, drei ausgewählten Freundinnen und natürlich dem Schokokuchen.
Jedes Kind in Little Smile hat seine eigene Geschichte, immer gibt es einen Grund, warum sie nicht mit Mutter und Vater aufwachsen, meist einen traurigen. Jeder zweite Samstag im Monat ist Besuchstag und wenn dann mal die Mama vorbeikommt und sogar das kleine Halbschwesterchen mitbringt, dann strahlen diese beiden Schwestern. Sie gehören freilich zu der Minderheit der Kinder, die Besuch bekommen. Am Abend dieser Besuchertage gibt es dann für alle ein Lagerfeuer und dann werden die Mitbringsel der Besuchten geteilt.
Der Ärger der Nacht mit Wildschweinen und Elefanten ist vergessen, sobald Michael Kreitmeir an den Kinderhäusern vorbeikommt und wie hier vor dem Moonlight Haus mit einem freudigen „Good Morning“ begrüßt wird und mit einem Lächeln, das nicht nur die Müdigkeit vertreibt. So kann der Tag beginnen!
Der Regen hat die Seen in Buttala wieder aufgefüllt, die Mangos werden reif. Was liegt also näher als einen Trip machen, Saradha und ihre Familie besuchen, schauen, was es in unserer Ayurvedaschule Neues gibt und dann natürlich Mangos essen, Orangen und auch Passionsfrüchte. Und was nicht mehr in den Magen passt, das wird mitgenommen ins Kinderdorf bis nichts mehr reinpasst in den Bus. Und weil noch so viele Mangos an den mehr als 200 alten Bäumen hängen zum Abschied das Versprechen: Wir kommen wieder!
Kurz bevor die Abschlussprüfungen an den „Ernst des Lebens“ erinnern, dürfen unsere Großen ans Meer und zwar an die Ostküste bei Arugambay. Sich freuen, toben, mit den Wellen spielen, Kraft tanken und spüren: Das Leben ist schön, einmalig, die Welt ist groß und weit und egal wie die Prüfungen ausgehen werden, ich bin jung, das Leben liegt vor mir und ich bin nicht alleine.
Weihnachten beginnt für Michael Kreitmeir sehr früh, genauer bereits am 2. Dezember. Am Abend dieses Tages wird im Kinderheim Ursula in Badulla gefeiert und zwar mit einem bunten Programm und kleinen Geschenken. Auch die betreuende Schwester wird beschenkt und ganz offensichtlich hat Michael Kreitmeir genau ihren Geschmack getroffen. Seit vielen Jahren wird dieses Mädchenheim in der Provinzhauptstadt von Little Smile finanziert, ohne diese Hilfe hätte das älteste Kinderheim der Provinz längst schließen müssen.
Auch bei den Franziskanern, die in unserer Teeplantage bei Beragalla leben, gibt es eine vorzeitige Bescherung. Das von unserer treuen Unterstützerin Lenka Rühle aus Hopfen am See bei Füssen gefertigte Tuch macht nicht nur Freude, die Brüder wollen es am kleinen Hausaltar verwenden.
Während die Abschlussklassen vor den Prüfungsaufgaben schwitzen, genießen alle anderen Kinder die Ferien. Was wäre so ein Ferientag ohne die zweite, besonders milchige und süße Tasse Tee um halb Elf? Richtig, das wären gar keine richtigen Ferien! Und dazu gibt es dann auch noch frische Mangos aus Buttala, denn obwohl die Ernte reichlich ausfällt und pro Woche mehr als 2000 Früchte geerntet werden können, unsere Kinder haben immer noch Lust auf mehr.
Und noch ein Trip in das 40 Kilometer entfernte Buttala, nicht nur aber eben auch der Mango wegen. Eine Attraktion, besonders für unsere Teenager, sind Saradhas Söhne, besonders der Kleine. Hier zeigt er Saroja, wo es lang geht und wer hier der Herr im Haus ist.
Auch Mitte Dezember regnet es noch, die Nächte dagegen sind meist klar und für die Tropen mit bis zu 17 Grad sehr kalt. Eiskalt sei das, so unsere Kinder und lassen sich von der Morgensonne wärmen. Bis Mittag heizt es dann gewaltig auf, wird drückend schwül bevor heftige Gewitter mit sintflutartigen Regen über uns hereinbrechen.
Und dann hat es auch Lasantika erwischt, mit knapp 12 Jahren wird sie zum „big girl“. Die erste Regelblutung markiert eine Zäsur im Leben jedes Mädchens und wird in den Familien groß gefeiert. Während draußen oft viel Alkohol fließt, steht in Little Smile das jeweilige Kind für einen Tag im Mittelpunkt, bekommt neue Kleidung, die ersten goldenen Ohrringe und wird so richtig verwöhnt.
Bawanis Sohn Mikel hat es geschafft, er gehört zu den ganz wenigen Abiturienten der Provinz, die einen Platz in der Uni bekommen haben. Bevor es aber dort losgeht hat er noch viel Zeit und die nutzt er, um den kleinen Little Smile Geschwistern das beizubringen, was für fast alle ein Buch mit sieben Siegeln ist: Mathematik. Anka hat eine Methode ausgearbeitet, die es erlaubt, in wenigen Monaten nicht nur Versäumtes nachzuholen, sondern von Grund auf Mathematik zu begreifen. Und plötzlich mögen die jungen Damen nicht nur ihren Lehrer, sondern auch Mathe, vor Monaten noch undenkbar.
Das Basteln gehört nicht zu den Stärken der Jungs in unserem Bubenheim Hill Top, also bekommen die da droben auf dem Berg Unterstützung aus dem Tal. Unsere Mädchen haben rechtzeitig vor dem großen Schmücken Weihnachtsdekoration gebastelt. Stolz präsentieren die jungen Künstlerinnen einen Teil davon auf der Wiese vor dem Bubenhaus. Gleich daneben wächst ein Wald mit Kiefern, also werden auch noch Weihnachtsbäume ausgesucht, das Fest kann kommen!
Und dann ist es so weit, der Heilige Abend ist da.
Zuerst werden in jedem Haus die Kerzen angezündet, der geschmückte Christbaum, die Krippe und all die Dekoration den anderen Kindern gezeigt. Wir ziehen von Kinderhaus zu Kinderhaus und gelangen mit Einbruch der Dunkelheit in unsere feierlich geschmückte Halle. Hier beginnt dann unser Weihnachtsprogramm. Die Kinder singen, tanzen und strahlen um die Wette, lange bevor die Bescherung beginnt.
Dieses Fest der Liebe, wo könnte es sinnvoller gefeiert werden als im Kreis einer so großen Familie. Egal wie anstrengend auch dieses Jahr 2018 war, egal wie viele Enttäuschungen und Rückschläge es gegeben hat. Weihnacht in Little Smile entschädigt für Vieles, stellt all den Mühen und Sorgen etwas entgegen, was sich mit Worten nicht beschreiben lässt.

Kinderzeit – Unser Begleiter durch die Jahre 2019 und 2020 für Freunde und Wegbegleiter mit Bildern, die einige unserer Kinder in ihrer Entwicklung über viele Jahre zeigen, ist kurz vor Weihnachten auch im Kinderdorf angekommen. Ich zeige diese Bilder Niroshani, die auch im Kalender „verewigt“ wurde und seit mehr als 15 Jahren Teil dieser großen Familie ist.