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Denn das Leben muss weitergehen

... und es geht weiter, auch nach Katastrophen. Im Moment leben mit uns 59 Menschen aus Kalmunai, meist Frauen mit Kindern und auch Flutwaisen hier im Kinderdorf in den Bergen. Wir möchten Ihnen wieder Hoffnung geben, Ihnen zeigen, dass das Leben nicht aufhören darf für die Überlebenden. Sie müssen die Chance haben, auch wieder etwas anderes zu sehen, als von Soldaten mit Waffen bewachte Lager, Ruinen und Gräberfelder. Für uns ist diese Zusatzaufgabe nicht leicht zu bewältigen, zumal ich sehr oft auch an der Ostküste bei Kalmunai die Soforthilfe koordinieren und dauerhafte Maßnahmen in die Wege leiten muss. Alleine die Fahrt dorthin mit unserem alten Lastwagen dauert mindestens 5 Stunden. Gottlob haben wir dort bereits aus der Zeit vor dem Tsunami ein gutes Team von Mitarbeitern. Denn jetzt, wo plötzlich viel, viel Geld fliest, schießen die selbsternannten "Heiligen" regelrecht aus dem Boden. Das größte Problem sehe ich derzeit darin, dass jede Organisation versucht, die Spendengelder, die ja reichlich geflossen sind, möglichst schnell, in sichtbare, sprich vorzeigbare Aktionen umzumünzen. Und da passiert nicht nur viel Unsinn. Die betroffenen Regionen werden regelrecht mit Spontanhilfe überschwemmt, die Leute verwirrt und teilweise zu Almosenempfängern, ja Bettlern gemacht. Wir arbeiten da völlig anders, verlangen für jede Hilfe auch eine entsprechende Gegenleistung. Wenn wir, wie geplant, ein Dorf bei Ampare aufbauen, dann werden wir bei Planung, Materialbeschaffung und Organisation helfen. Jeder aber, der dort eine Heimat finden will muss selber auch anpacken, seinen Teil beitragen. Ich werde diese Woche den letzten Transport von Medikamenten für das Krankenhaus in Kalmunai organisieren, danach macht nur noch eine genau geplante Unterstützung mit Dingen, die es hier nicht gibt, Sinn. Überhaupt müsste viel mehr Wert auf Hilfe zur Selbsthilfe gelegt werden. Am wenigsten können wir an der Ostküste Soldaten in Uniformen gebrauchen und genau die, stolzieren da herum und nicht nur die, aus der singhalesischen Armee.
Aus Deutschland kommen und selber anpacken? So gut das gemeint ist, so schwierig ist eine sinnvolle Umsetzung. Neben jeden ausländischen Helfer müsste man einen Übersetzer stellen. Die Bedingungen, zumindest an der Ostküste, sind hart und mit hoher Wahrscheinlichkeit würde der überwiegende Teil der Helfer sehr schnell mit Erbrechen, Fieber und Durchfall im Krankenbett landen, von Malaria und Schlimmerem gar nicht zu reden. Außerdem besteht auch da wieder die Gefahr, dass die Betroffenen nur zuschauen und sich daran gewöhnen, dass andere die anstehenden Aufgaben für sie erledigen.
Die meisten Kinder, die vom Tsunami zu Waisen oder Halbwaisen gemacht wurden, können von der Verwandtschaft aufgefangen werden. Nur ganz selten lebte der ganze Familienverband in der betroffenen Zone am Meer. Von Patenschaften, bezogen auf ein Kind, würde ich im Moment abraten. So etwas braucht Zeit, Vertrauen muss wachsen dürfen. Mit gutem Willen und Geduld kann am Ende einer partnerschaftlichen Patenschaft von Region zu Region, von Gemeinde zu Gemeinde und von Mensch zu Mensch stehen.

Vertrauen bilden. Um das zu erreichen haben wir die Tore vom Kinderdorf Little Smile geöffnet, werden regelmäßig Gruppen von bis zu 50 Menschen von der Ostküste zu uns kommen. Menschen die vom Tsunami betroffenen sind, aber auch Nachbarn, denn sonst entsteht Neid und eine Art Zweiklassengesellschaft. Sinnvoll helfen ist nicht so leicht, wie man es sich gerne vorstellen möchte. Gerade kommen wir von einem gemeinsamen Ausflug zu unserem Meditationsplatz in den Bergen zurück. Singhalesen und Tamilen, Buddhisten, Hindus, Moslem und Christen. Nach 20 Jahren Krieg wird jetzt endlich ein Bogen gespannt zwischen angeblichen Feinden. So schrecklich der Tsunami auch war, hier bietet sich durch ihn eine große Chance für ein Miteinander. Die großen Kinder von Little Smile werden regelmäßig an die Ostküste fahren, helfen und die neu gewonnen Freunde treffen.
Häuser können durch Katastrophen zerstört werden, ja ganze Dörfer und Städte, Menschen können ihre Zukunft, ihr Leben verlieren, aber wenn erst einmal ein Bewusstsein geschaffen ist, wenn aus Feinden Freunde geworden sind, kann kein Tsunami und keine Regierung das wieder zerstören.

An alle Menschen guten Willens!
Ich kann für Little Smile, für uns hier in Koslanda und in Ampare versprechen, dass wir den sinnvollen und dauerhaften Weg weitergehen, auch wenn er mühsam ist und dass wir dort an der Ostküste mit der gleichen Offenheit und Transparenz helfen werden, wie wir das bisher schon in den Bergen Sri Lankas getan haben. Bitte erwarten Sie nicht schnelle Ergebnisse. Beharrlichkeit, Geduld und Liebe zu den Menschen sind die Pfeiler, auf denen wir mit Ihrer Hilfe eine Zukunft für diese Menschen, besonders die Kinder aufbauen können.
Denn das Leben muss weitergehen!

Koslanda, den 18. Januar 2005

Ayubowan aus Sri Lanka

Ihr Michael Kreitmeir