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26. Juli 2005, 7 Monate nach der Tsunamikatastrophe

Liebe Freunde, Paten und Helfer in der Heimat,
wenn Sie gerade den Bericht „Helfer in Bedrängnis“ gelesen haben wird so mancher von Ihnen wird die Welt nicht mehr verstehen. Wie kann es sein, dass die Hand, die hilft, geschlagen, dass auf Liebe mit Hetze, ja Hass geantwortet wird?
Auf die Jahrtausendkatastrophe folgte eine beispiellose Welle der Mitmenschlichkeit. Unglaublich viel Geld wurde gespendet, gerade auch in Deutschland Alle wollten wir zusammenstehen und helfen. Man muss sich mal vorstellen, mehr als 2000 Organisationen haben alleine in dem kleinen Sri Lanka eine Zulassung beantragt, keiner kann die privaten Helfer zählen, die auf eigene Faust, oft mit erheblichen Geldbeträgen, hier unterwegs waren und sind. Nicht wenige religiöse Gruppen und Sekten sind auf „Schäfchenfang“ gegangen, so nach dem Motto, komm in unsere Gemeinschaft und wir bauen dir eine neue Hütte auf. Wenn wundert es da, dass ein Teil der buddhistischen Mönche ablehnend, ja sogar feindlich allen Hilfsorganisationen gegenübersteht. Man darf auch nicht vergessen, dass die Mönche in Sri Lanka auch politische Macht besitzen und dass nicht Wenige von Ihnen zusammen mit der Partei der Marxistischen Nationalisten (JVP) laut und unverblümt nach einer singhalesischen Nation rufen, fast eine Kriegserklärung an die zahlreichen Minderheiten im Land, besonders an die20 % Tamilen Sri Lankas. Als Feindbild besonders eignen sich die weißen Helfer im Land. Zu schnell, zu unkoordiniert, mit zu vielen Versprechen sind sie gekommen, kaum etwas ist vorangekommen in den 7 Monaten seit dem Tsunami. Die Leute auf der Straße sehen die großen Autos mit den Emblemen der Hilfsorganisationen, die nicht selten laut hupend mit hoher Geschwindigkeit durch die Ortschaften preschen, die Hotels vor Ort, etwa in Ampare sind auf Monate, trotz völlig überhöhter Preise, ausgebucht, Bauland ist für Normalsterbliche unerschwinglich geworden, fast täglich steigen die Preise für Baumaterialien besonders für Zement. Der lauthals versprochene Wiederaufbau dagegen ist nie so richtig in Gang gekommnen. An touristischen Plätzen wie Hikkaduwa, Beruwela und Unawatuna dagegen sind Bars, Restaurants und Gästehäuser größer und schöner aufgebaut worden, sind Internetkaffees mit den neuesten und teuersten Laptops aus dem Boden geschossen, haben Fischer, die teilweise nie ein eigenes Boot besessen haben nicht selten bis zu einem halben Dutzend neuer Boote von den unterschiedlichsten Organisationen bekommen bei Verwandten versteckt und weiterverkauft. Wer sich auskennt kann im Moment neue Fischerboote für ein Drittel des Wertes kaufen. Ich habe einen singhalesischen Bekannten, der am Strand von Hikkaduwa ein Restaurant hatte gefragt, warum er denn nach mehr als 6 Monaten immer noch nicht die Trümmer weggeräumt hat? Darauf er mit einem Lächeln: „Dann bekomme ich ja nichts mehr“. Im Hinterland baut er an einem riesigen Privathaus, irgendwo muss die Tsunamihilfe ja hin.
Das Zauberwort, um an den Spendentopf zu gelangen heißt „Tsunami-Waisenkinder“. Längst hat das auch der Staat erkannt, die knapp 1000 Tsunamiwaisen im Land werden regelrecht meistbietend verschachert, Gesetze sollen den Besitzstand klären, bestehende Kindereinrichtungen werden, besonders wenn Ausländer beteiligt sind, diffamiert und schikaniert. Plötzlich werden all die Geschichten von Kinderhandel und Kindermissbrauch ausgepackt, die Weißen sind plötzlich die Bösen, ganz im Sinne der rassistischen Parolen der JVP. Dazu passt, dass ein neues Gesetz verabschiedet wurde, das jede Konvertierung eines Buddhisten unter Gefängnisstrafe stellt. Einrichtungen wie Little Smile, die jede Religion achten und respektieren werden plötzlich von vielen Seiten angefeindet. Seit dem Tsunami sind anonyme Anzeigen gegen Kinderheime zu einem Art Volkssport geworden.
Bei dem Kinderdorf Little Smile kommt erschwerend hinzu, dass es sich unserer früherer Bauleiter Herr Bandula seit seinem Weggang im November 2004 zur Aufgabe gemacht hat, unsere Arbeit hier zu stören. Ich habe ihm nicht, wie von ihm gefordert, ein Haus geschenkt, wie könnte ich, das Geld gehört Kindern in Not und nicht gutbezahlten Bauleitern. Obwohl Herr Bandula im Hotel Lanka Prinzess in Beruwela, durch meine Hilfe, einen gut bezahlten Arbeitsplatz als Übersetzer im Ayurvedabereich bekommen hat, war dieser Mensch, dem ich einmal wirklich vertraut und dem ich so oft geholfen habe, nachweißlich an fast allen Aktivitäten gegen Little Smile beteiligt, meist sogar der Planer im Hintergrund. Bandula kommt mir vor, wie ein enttäuschter Familienvater, der nach der Ehescheidung versucht, Frau und Kinder umzubringen. Letztlich aber hat er und all die, die uns angegriffen haben, das Gegenteil erreicht: Little Smile ist noch stärker zusammengewachsen und an all den Schwierigkeiten gewachsen. Freilich hat all das viel Energie verschlungen. Wenn, wie gestern am Nachmittag plötzlich angebliche Wildhüter mit gezogenen Waffen ins Kinderdorf eindringen, um nach Drogen in unserem Heilpflanzengarten zu suchen, dann ist das nicht akzeptabel. Auffallend war, dass einer der beiden Anführer gezielt nach mir gefragt hat, die Schreibweise meines Familiennamens kannte. Wobei Kreitmeir ansonsten für Einheimische einfach unverständlich ist und dass versucht wurde, mich aus dem Kinderdorf zu verschleppen. Wird dieser Vorfall Konsequenzen haben? Ich denke eher nicht. Mehr als 1 Monat nach dem Überfall auf uns wurde noch keiner der Schuldigen verhaftet, obwohl die Namen bekannt sind. Im Gegenteil! Der Leiter der Polizeistation, der sich um Aufklärung bemüht hat, wurde inzwischen zwangsversetzt.
So etwas muss ja Mut machen, neue Übergriffe zu starten.
Seite dem 26. Dezember 2004, seit nunmehr 7Monaten, hatte ich nicht einen einzigen Tag Pause, haben wir alle hier in Little Smile gearbeitet bis um Umfallen. Wir haben 19 Projekte, darunter den Bau eines Kinderkrankenhauses und einer internationalen Schule auf den Weg gebracht, haben vielen Witwen mit ihren Kindern ein neues Zuhause und damit wieder Hoffnung geschenkt, haben Begegnungen von Kindern und Jugendlichen aus den unterschiedlichsten Regionen Sri Lankas ermöglicht, Fischern an der Ostküste Boote gegeben und damit die Möglichkeit zu arbeiten und ihre Familie zu ernähren, haben Kinderhäuser an der Ostküste wieder aufgebaut und vieles mehr. Und das trotz aller Störungen und Verleumdungen.
Wer Liebe säht erntet manchmal leider auch Hass, wer Gutes tut wird nicht selten angefeindet und verleumdet. Warum auch sollten böse Menschen, blind vor Neid und krank vor Gier ihre Liebe für den Nächsten entdecken, weil wir Kindern in Not helfen? Wie kann man von Menschen, die alles immer nur aus Eigennutz tun, erwarten, dass sie verstehen, warum einer wie ich sein Handeln und Leben in den Dienst einer großartigen Vision stellt?
Freilich, es tut weh, manchmal sogar sehr weh, verraten von einem, der sich selbst lange Zeit „mein Freund“ nannte, verdächtigt, weil man für Kinder etwas tut ohne direkte Gegenleistung und angefeindet wegen der weißen Hautfarbe.
Es ist seit dem Tsunami noch schwerer geworden in diesem Land sinnvoll und nachhaltig zu helfen. Aber es gibt auch so unendlich viel zu tun hier und da ist ihr Vertrauen, ihr Glaube an uns und ihr Wunsch zu helfen, denen die wirklich in großer Not sind.
Ganz am Anfang von Little Smile, vor einer Ewigkeit als wir hier die ersten beiden Kinderhäuser eröffnet haben, sind meine Eltern die lange und beschwerliche Reise auf sich genommen. Mein Vater hat damals zu mir gesagt: „Was immer du tust, tue es, weil du daran glaubst und weil du es tun musst und nicht, weil du Dank erwartest oder Anerkennung“. Dieser Rat hat mir viel geholfen.
Und wenn ich mal ganz traurig bin oder zornig oder beides gleichzeitig dann höre ich mir das Lied „Es scheint ein Licht“ an, das Tim Neumann von der Gruppe Vega für mich geschrieben hat. Und wenn es dann heißt
Wenn dir einer Böses tut, wünsche ihm Glück
denn das Böse kommt eines Tages garantiert zu ihm zurück

dann versuche ich das, auch wenn’s mir nicht immer gelingt.


Liebe Freunde,
vor drei Tagen ist unweit des Kinderdorfes ein Minibus mit 9 jungen Leuten von der Straße abgekommen und den steilen Hang hinuntergestürzt. Ich war als einer der Ersten an der Unfallstelle. Fahrer und Beifahrer waren schrecklich zwischen Autowrack und einem Baum eingeklemmt. Ich habe getan, was möglich war, wurde selbst verletzt, konnte den Beifahrer retten. Der junge Fahrer aber ist in meinem Armen gestorben. Ich wusste nicht ob er Buddhist, Hindu, Moslem oder Christ war, ich habe ihn gehalten und halblaut ein „Vater unser“ für ihn gebetet. Für einen Moment sind all die aufgeregten Leute , die sich immer lautstark um so ein Geschehen scharen, verstummt. Vielleicht hat der ein oder andere angesichts des Sterbens dieses jungen Mannes die eigene Flüchtigkeit gespürt. Mir wurde unglaublich intensiv klar, dass das Leben, dass jeder einzelne Tag ein Geschenk ist und eine großartige Chance Liebe zu leben.
Und darum werden ich, werden wir hier weitermachen, werde diesen Weg weitergehen, ganz einfach weil es NICHTS im Leben gibt, was mehr Sinn macht als Menschen in Not, besonders Kindern, die Hand zu reichen.
Danke für Ihre Begleitung, Ihre Hilfe, Ihre Gedanken

Ihr
Michael Kreitmeir und das ganze Team von Little Smile auf das ich sehr stolz bin.