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Covid 19

The never ending story

Wer hat es nicht kennengelernt, dieses Gefühl, das sich noch am besten mit Erschöpfung beschreiben lässt. Man hat sowas „von die Nase voll“, trotz Maske. Was wurden wir alle bombardiert, Welle um Welle: Corona, Covid 19, der chinesische, der englische der indische Virus – man kann es einfach nicht mehr hören. Am allerwenigsten all die Ratschläge, Expertenmeinungen, Versprechen. Plötzlich war Geld da, ohne Ende, die Milliarden purzelten nur so. Woher die kamen, wo doch in der Zeit vor C die Renten nicht sicher, die Sozialsysteme marode und einfach nicht genug da war, nicht mal um Flüchtlinge menschenwürdig zu behandeln? Zuerst gab es keine Masken, dann öffneten Politiker die Geldschleusen und leiteten den Strom in die richtigen Kanäle, auch die eigenen, versteht sich. Dass dann ein Teil dieser überteuerten Masken nichts wert war, wen kümmert das heute, wo man wieder ohne rumlaufen darf, wo die Flieger wieder fliegen und in Europa so getan wird, als sei da nichts gewesen. Selbst die Erkenntnis, dass die, die schon vorher extrem reich waren noch reicher wurden, die Mächtigen noch mächtiger, was soll‘s?
Multimillionäre treten wieder gegen den Ball, der ist immer noch rund und langsam dürfen sogar wieder Fans, kostenpflichtig und aktuell getestet, in die Stadien. Brot und Spiele halt. Die Kreuzfahrtschiffe verpesten wieder die Umwelt, Fluglinien, mit Steuermilliarden gefüttert, sorgen dafür, dass die modernen Völkerwanderungen, billionenfach im Internet als Selfies zu bestaunen, wieder in Schwung kommen, Sorge um Klima und Welt war gestern. „Friday for future“, was war das gleich wieder mal? Greta, vergessen! Aufholen, nachholen, genießen, Alles wie gehabt. In Europa zumindest, wobei, einige der Freiheiten, die man vorrübergehend eingeschränkt hat, zu unserem Schutz versteht sich, werden wohl verlorengehen, weitgehend unbemerkt vermutlich, weil fast alle mit glänzenden Augen endlich wieder konsumieren was das Zeug hält und die Welt in Ordnung ist, weil man keine Maske mehr tragen muss.

Und hier in Sri Lanka?
Lange hat es ausgesehen als wäre Corona, nur ein Schreckensgespenst, weit weg, eine Geisel für Europa, Amerika, dann auch für Südamerika. Asien blieb weitgehend verschont, obwohl die Pandemie ja in China ihren Ursprung hatte. Auf der Insel Sri Lanka hatte es zwar zu Beginn auch Lockdowns gegeben, strenge sogar, aber als in Europa die zweite Welle tobte, als dort Weihnachten und später auch noch Ostern ausfielen, dachte man in Sri Lanka längst wieder über eine Öffnung für Touristen nach. Im Februar wurden von einem Minister Sonderflüge für wohlhabende Sonnenhungrige aus der Ukraine organisiert, die Nachricht, dass man sich mit einer dieser Reisegruppen auch den Virus ins Land geholt hatte, wurde freilich offiziell dementiert. Und dann kam diese indische Variante. Indien ist nicht weit weg, gar nicht weit weg, sogar. Als im Nachbarland dann die Zahl der Infizierten explodierte und das Gesundheitssystem dort, soweit man von sowas reden kann, völlig überfordert war, feierte man hier das Singhalesische Neujahr. Jeder war unterwegs, durch das Ausbleiben von Ausländern waren Preise für Hotels, Trips, Restaurants an das lokale Niveau angepasst worden, die große Chance, das eigene Land zu entdecken. Nicht nur in unserer Nachbarschaft, wo sich in Up Diyaluma mehrere Wasserfälle aus natürlichen Pools ergießen, stauten sich die Menschenmassen. In dem Canyon, vielleicht 200 Meter breit und etwas mehr als 1 Kilometer lang drängten sich bis zu 5000 Menschen um Natur pur zu erleben, es wurde getrunken, getanzt, natürlich gegessen und ein Berg von Müll dagelassen.

Kaum eine Woche nach dieser Völkerwanderung, die kaum einen Winkel von Sri Lanka verschonte, begann es den Verantwortlichen zu dämmern. Ganz so weit weg ist Indien nicht und vielleicht war es doch keine so kluge Idee … Aber da war es zu spät!
Keine Stadt, kaum ein Dorf wo nicht plötzlich Menschen krank wurden, viele starben. Viele Krankenhäuser wiesen Kranke ab, nicht dass sich noch Ärzte und Krankenschwestern anstecken. Sterben kann man ja auch daheim! Angst trat an die Stelle von Ignoranz und Leichtsinn. Ganz offiziell wurde nun zugegeben, dass Sri Lanka ein Problem hat und gar nicht darauf vorbereitet ist.

Der große Bruder China bot seinen Impfstoff an aber wo der zu haben war und welcher Stoff das sein sollte, war nicht zu erfahren, auch nicht, wo man sich denn eigentlich testen lassen könne. Knapp 2 Wochen nach der großen Reisewelle folgte die des Virus und der totale Lock Down, wieder einmal. Im Unterscheid zu früheren Ausgangssperren blieben die Leute von sich aus daheim, glaubten den öffentlichen Versicherungen nicht mehr. Das Problem freilich war, dass nach den Festtagen kaum Vorräte da waren, man keine finanziellen Rücklagen hatte und die Lieferdienste, deren Stunde nun gekommen war, nur gegen Bares lieferten, in abgelegene Gebiete gleich gar nicht fuhren.
Am Tor des Kinderdorfes trafen wir sie dann, die Alten, die Kranken, bei denen der Hunger die Angst vor Corona und der Polizei besiegt hatte. Anka hatte, schon als die Coronazahlen in Indien in die Höhe schnellten, einen gigantischen Vorrat an Lebensmitteln angelegt, allein Reis hatten wir mehr als 5000 kg und das war gut so.
Da wir in der Farm ja Lebensmittel anbauen und mit Gewürzexporten überlebenswichtige Devisen ins Land bringen, hatten wir eine Sondergenehmigung, konnten einen Teil unserer Arbeiter beschäftigen, allerdings nur die, die sich zu Fuß, abseits der Straßen, zum Arbeitsplatz durchschlagen konnten. Und der überwiegende Rest? Auch diese Arbeiter und Arbeiterinnen hatten Familien daheim, kein Geld, kein Essen. Zwar gab es nach und nach ein wenig staatliche Hilfen für die Hungernden aber nur für die, die offiziell gemeldet waren, also im Wahlregister eingetragen sind und das sind die Wenigsten von denen, die wirklich arm sind, die oft weder lesen noch schreiben können und meist der benachteiligten Bevölkerungsgruppe der Bergtamilen angehören.
Unser Büro war zu, die Angestellten hatten Angst vor Ansteckung, Alles kam einfach ans Tor, weil Lokuthatha ist da, das hatte sich rumgesprochen – und wie.
Auch die Affen aus den verwaisen Dörfern kamen zu uns, lieferten sich bittere Gefechte um einen Platz im Kinderdorf, fraßen einfach alles, entlaubten zahlreiche Bäume, rissen unreifes Gemüse aus dem Boden, ließen sich kaum noch vertreiben.
Aus Europa erreichten uns freudige Nachrichten über teilweise Lockerungen, in Sri Lanka sprach man sogar auf der Internetseite des Gesundheitsministeriums von einem Problem.
Nach der ersten Schockstarre fand man zu einem pragmatischem Lösungsstil, vorausgesetzt man hatte Geld. Die Polizei schaute weg, solange die Läden geschlossen blieben, man rief vorher seinen „Shopkeeper“ an und bekam am Hintereingang das, was vorrätig war, wenn man es sich leisten konnte. So verging der Mai 2021.
Mitte Juni dann, genauer am Montag, den 21. Juni 2021 wurde der Lockdown bei uns aufgehoben, freilich blieben vielen Beschränkungen. So sind kaum Busse unterwegs und die wenigen dürfen nur so viele Fahrgäste transportieren wie Sitzplätze vorhanden sind, für hiesige Verhältnisse also fast niemand. Der Reiseverkehr zwischen den Provinzen bleibt verboten, die Hauptstadt und weite Teile der wirtschaftlich starken West- und Südprovinz bleiben dicht. Alles, was aus dem Ausland kommt – und das ist hier fast alles – und damit mit Devisen bezahlt werden muss, darf schon seit mehr als einem halben Jahr nicht mehr eingeführt werden, Ersatzteile sind nicht mehr zu haben oder extrem teuer. Auch die Bars bleiben geschlossen, wer einen Vorrat hat an Schnaps und Bier macht das Geschäft seines Lebens, während die, die eh nichts haben, wieder mal die Zeche zahlen.
Es grenzt da schon an Zynismus, dass die Lehrer, seit Februar mit „Internetclasses“ nerven. Mal abgesehen davon, dass viele Regionen keinen oder nur sehr schlechten Empfang haben, dass täglich der Strom ausfällt und dass kaum ein Lehrer hier auch nur den Dunst einer Ahnung hat, wie so ein digitaler Unterricht aussehen soll… Woher die Eltern, viele seit mehr als einem Jahr ohne Job und Einkommen, Geld für ein Smartphone oder gar einen Laptop hernehmen sollen? Beamte leben auch in Sri Lanka in ihrer eigenen Welt.

Lehrer haben ihr Gehalt bekommen obwohl sie in den letzten 14 Monaten nicht einmal zwei unterrichtet haben. Selbst die Prüfungsergebnisse für die letzte Abschlussprüfung, die im Februar geschrieben wurde, als man dafür mal kurz die Schulen aufmachte, liegen noch nicht vor.  So viel zum „homeoffice“. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie das weitergehen wird, wenn die Schulen wieder aufmachen!

Doch dieses völlig auf uns geworfene Dasein hatte durchaus auch Vorteile. Selbst die pubertierenden Mädchen bekamen den Kopf frei, diese Hexenjagd in den Schulen, welches Mädchen denn mit welchem Jungen etwas haben könnte, sie viel einfach weg.
All diese Geschichten von außen, die vor den Schulschließungen so viel Unfrieden ins Kinderdorf gebracht haben, wir haben sie nicht vermisst, all die Gemeinheiten, die gerade die Lehrkräfte in der tamilischen Schule Kindern aus einem Heim offensichtlich gerne antun, all die Kämpfe dagegen, blieben uns erspart.
Und so wurden die geschlossenen Schulen für unsere Kinder zum Segen. Anka hatte zuerst mal all denen, die unterrichten sollten, beigebracht, wie gut sowas funktioniert mit einem klaren System, das die Kinder in den Mittelpunkt stellt, Freude am Lernen vermittelt und Motivation durch Erfolg erzeugt. Selbst von der staatlichen Schule als hoffnungslos abgestempelte Kinder machten Fortschritte, zuweilen war der Weg mühsam aber nach einem Jahr waren die meisten unserer Kinder wie ausgetauscht und das bei nur 2 Stunden Unterricht und 2 Stunden betreuter Hausaufgaben pro Tag.
Und so gehen wir mit der Erkenntnis in das 15. Coronamonat, dass es nicht nur weiß und schwarz gibt, nicht nur gut und schlecht, sondern sehr viele Zwischentöne und dass für die Kinder von Little Smile die Maßnahmen gegen die Ausbreitung der Pandemie völlig neue Freiheiten gebracht haben, mit weniger Neid und Missgunst. Das Kinderdorf wurde zu einer wahren Insel für Kinder, ein Ort jenseits von Angst, ohne Machtmissbrauch, ohne ständigen Druck und Zwang, Little Smile pur halt!

Epilog:
An was werden sich unsere Kinder erinnern, wenn sie in 20 oder 30 Jahren nach diesen beiden verrückten Jahren 2020 und 2021 gefragt werden? Vielleicht ja an einen dieser vielen Momente des Kindseins, festgehalten in unserer Galerie — hier klicken.

Bei aller Trauer um die Opfer der Pandemie, bei allem Respekt vor den Toten und ihren Angehörigen, dem Leid der Kranken und den vielen sozialen und wirtschaftlichen Opfern des Kampfes gegen diesen Virus – im Kinderdorf Little Smile bekamen wir eine ungeahnte Chance, weil man uns in Ruhe ließ, die Welt da draußen uns vergaß. Als die Tore geschlossen werden mussten, konnte sich nach dem ersten Schock ohne Störungen im Kinderdorf eine bessere Welt entwickeln als die da draußen, eine Welt von und für Kinder.