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Menschlichkeit – Wo bist du hin?

Europa

Sich um andere, Schwächere zu kümmern ist nicht in! Kann das so stehen bleiben? Fest steht, soziale Berufe sind in der Krise, sogenannte „Care-Giver“, frei übersetzt „Kümmerer“ werden von reichen Industrieländern in armen Staaten angeworben mit dem Versprechen auf gute Bezahlung. Ob das eine gute Basis ist, dass sich da jemand um Hilfsbedürftige kümmert, egal ob alt und gebrechlich oder behindert? Im sozialen Bereich herrscht überall Mangel, auch bei Ehrenamtlichen, soziale Vereine können ein Lied davon singen, ein trauriges.

Die Kirchen haben an Einfluss verloren, die Menschen laufen ihnen in Scharen davon, Erfolgsmenschen wie Elon Musk sind die Vorbilder, je rücksichtsloser, umso größer die Bewunderung, Hauptsache die Bilanz stimmt, wen kümmert da noch die Balance zwischen Stark und Schwach, die soziale Verantwortung. Apropos Balance: Work/Live Balance, auch so ein Begriff, der das veränderte Denken ausdrückt. Es geht um das eigene Ego, den eigenen Vorteil, für die Schwachen kann man ja mal eine „Charity“ veranstalten, vor Weihnachten Geld spenden, für die Verlierer hat man nur Verachtung übrig. Selber schuld, zu dumm, zu faul liegen sie den Erfolgreichen ja eh nur auf der Tasche. Und wehe sie kommen aus anderen, armen Ländern. Hilfesuchende als Munition für Rechtspopulisten, die überall in Europa auf dem Vormarsch sind. Man vergönnt nichts, hat nichts zu verschenken, zahlt lieber für eine schwer bewaffnete Grenztruppe, die Menschen auf der Flucht vor Gewalt, Not und Armut ins Meer zurückschleppt oder Milizen ausliefert, die dafür sorgen, dass die uns nicht mehr behelligen. Wie, da schaut man einfach nicht hin, Menschenrechte Ja, aber doch nicht für Illegale! Ein Ertrunkener, Ermordeter gefährdet unseren Wohlstand nicht mehr. Für sich rausholen was geht! Was kümmert die Lockführergewerkschaft der Schaden für andere, wenn sie den Zugverkehr lahmlegen. Man sitzt am Hebel und nützt das, ohne Rücksicht auf Verluste – bei anderen.

Aber es gab ihn, den Hoffnungsschimmer! Die soziale Verantwortung des Unternehmers, des Reichen. Mein Sohn Manuel war einer der Antreiber dieser Bewegung, die bis auf EU Ebene vordrang. Problem erkannt – dachte ich und einige Jahre wurde das Thema rauf und runter diskutiert, gab es Meetings und Summits. Doch dann kam ein neuer Trend: Nachhaltigkeit, dass der Reiche auch Verantwortung trägt, kaum noch Thema.

Mein Sohn Manuel Kreitmeir war fast zwei Jahre lang für die Kommunikation mit den Interessengruppen aus der Sozialökonomie und der EU verantwortlich. Während COVID war sein digitales Team alleiniges Sprachrohr der EU für den sozialen Sektor in Europa.Was ist daraus geworden? Zumindest für Deutschland, wo er einer der Mitgründer der organisierten „Social Entrepreneurship Szene“ war, hält er diese Bewegung mittlerweile für gescheitert. Zitat: „Man hat in Deutschland eine ganze Generation von „Social Entrepreneurs“ gegen die Wand laufen lassen.“
Seine Antwort auf die Frage: „Menschlichkeit, wo bist du hin?“
finden Sie unter diesem Link

Es bleibt aber das Problem mit den Alten und Kranken, für die kaum noch jemand „sorgen“ will und die wenigen, die es noch tun ersticken bei schlechter Bezahlung in Arbeit und in Bürokratie. Einfach da sein, die Hand halten, wenn die Schmerzen übermächtig werden, die Einsamkeit zu ersticken droht, so etwas kann nicht bei den Krankenkassen verrechnet werden, dafür ist auch keine Zeit.Dabei kann wirklich jeder, jeder Zeit krank werden und will nicht jeder alt werden? Also selbst da, wo es uns eines Tages betreffen wird schließen wir die Augen, tun so, als würde uns das nichts angehen, bis es zu spät ist. Klar, dass der reichste Mensch der Welt viel Geld ausgibt, um nach einem Mittel für lange, am besten ewige Jugend suchen zu lassen, für sich und die wenigen, die es sich dann leisten könnten, wäre es denn eines Tages verfügbar. Was aber tun mit all den Schwachen, Alten, Kranken?

Sri Lanka

Wer im Urlaubsparadies ein Behindertenheim betritt, selbst als tatsächlicher oder vermeintlicher Spender lange angekündigt und den damit verbundenen Vorbereitungen dort, dem fällt die Fortsetzung des unbeschwerten Urlaubs schwer. In der Regel werden diese Einrichtungen, so es sie überhaupt gibt, versteckt, streng abgeschirmt und das hat auch seinen Grund. Das Elend derer, die sich selbst nicht helfen können, ist nur schwer zu beschreiben und kaum zu ertragen und verträgt sich so gar nicht mit der Idylle, die Sri Lanka überall als Sehnsuchtsort der ewig lächelnden Menschen werbeträchtig verkauft. Wenn 130 überwiegend Schwerstbehinderte in einem sogenannten Heim zusammengepfercht werden, bei gerade mal 12 Beschäftigten, die auch noch unqualifiziert und schlecht bezahlt sind, was kann man da erwarten außer Schmerz und Leid, Gestank und Elend?
Schwach und ausgeliefert sind auch die Kinder, um die sich niemand kümmern kann oder will. Der Staat hat für ein Kind in einem Heim pro Tag gerade einmal 100 Rupien übrig, etwa 30 Cent, pro Tag und selbst dieses Geld wird oft nicht ausgezahlt. Da bleibt dann nur Betteln, Mahlzeit für Mahlzeit, Tag für Tag. Selbst der engagierteste Mitarbeiter kann da nur verzweifeln, zumal alle besseren Positionen, das sind die, wo man in einem Büro rumsitzt und den Mangel verwaltet, durch Beziehungen besetzt werden.

Little Smile

Niemals betteln müssen, immer genug finanzielle Reserven haben, damit man auch Krisen durchstehen kann. Mehr noch: Kinder, die in einem Heim leben, dürfen nicht Menschen zweiter Klasse sein auf die man herunterschaut, weil die Schuhe kaputt oder die Schuluniform zerschlissen oder schmutzig ist. Auch Mädchen mit kurzgeschnittenen Haaren wegen der Läuse und das in einem Land, in dem lange Haare ein Attribut der Schönheit sind - nicht bei uns! Damit dies nie passiert habe ich in den vergangenen 25 Jahren hart daran gearbeitet, Little Smile von Spenden unabhängig zu machen, dafür zu sorgen, dass es auch nach mir weitergehen kann. Aber wird es weitergehen?
Auch in Sri Lanka wird auf den eigenen Vorteil geachtet, Geben als Investition, damit man später viel mehr bekommt, etwa durch den Touristen, der zum „Freund“ wurde.
Das Sozialamt hat beschlossen, die Kinderheime in staatlicher Obhut zu privatisieren, sucht Organisationen, die einspringen. Mit Geld allein ist es freilich nicht getan, das Problem liegt tiefer und ist existentieller: Es gibt auch hier kaum noch Menschen, die bereit sind, sich für Schwache einzusetzen, für sie da zu sein, selbst wenn die Bezahlung stimmt, was nur selten der Fall ist. Es sind meist die unversorgten Frauen, ohne jede Qualifikation, Verlierer im eigenen Leben, ohne Alternative, die in einem Behinderten-, Kinder- oder Altenheim unterschlupfen, für ein Dach über dem Kopf, Essen und schlechte Bezahlung meist nur das tun, wozu sie mit ständiger Kontrolle gezwungen werden, wenn es denn so eine Kontrolle gibt. Oft können sie tun und lassen, was sie wollen, dabei gibt es nichts, was schwieriger ist als mit Macht umzugehen und die hat man, als Betreuer(in) oder gar Leiter(in) in meist abgeschlossenen Einrichtungen. Wo aber die anderen finden, wenn selbst ein weltumspannender Orden wir die Franziskaner gerade noch 5 Brüder haben, wohlgemerkt im ganzen Land? Wo die nackte Angst vor der Zukunft das Denken bestimmt und soziale Berufe nicht einmal mehr vorkommen auf der Berufswunschliste der Jugend, woher also die sorgenden, ja liebenden Menschen nehmen, die Kinder, gerade aus schweren Verhältnissen, so notwendig brauchen?
„I had a dream“ und in diesem Traum haben die Kinder, denen in und durch Little Smile geholfen wurden, eines Tages als Erwachsene etwas zurückgegeben von dem, was sie selbst hier bekommen haben. Wer wüsste besser um die Zerrissenheit der Verlassenen, der Missbrauchten, Hilflosen als diejenigen, die das selber erlebt, erlitten haben?

Doch wie es bei Träumen nun mal so ist, nach dem Erwachen sieht alles ganz anders aus. Nur wenige der Jugendlichen, denen man guten Gewissens Kinder anvertrauen konnte, sind geblieben, zu verlockend der „Ruf der Freiheit da draußen“. Die Ursachen dafür sind vielfach: Noch immer sind Kinder aus einem Heim stigmatisiert, auch wer dort arbeitet bekommt keine Anerkennung, im Gegenteil, er wird zu den Verlierern gezählt. Zu gut war zudem die Ausbildung hier. Wer in Little Smile aufwächst kann drei Sprachen, Singhalesisch, Tamilisch und Englisch und findet schon deshalb leicht einen Job. Mehr noch. In den letzten Jahren sind immer mehr auch junge Menschen ins Ausland gegangen, meist den Mittleren Osten, da man dort mehr Geld verdient und die Löhne hier gerade so zum Überleben reichen. Waren noch Verwandte da hatten die nach Ende der Schulzeit plötzlich Interesse. Kaum hatten die jungen Frauen das Kinderdorf verlassen, wurden sie, gewinnbringend, ins Ausland geschickt. Zudem war der erste Schulabschluss, das O-Level, immer leichter geworden, sodass immer mehr Jugendliche weitere drei Jahre zur Schule gingen, vielmehr überwiegend in privaten und teuren Privatunterricht in den benachbarten Städten. Der überwiegende Teil verliebt sich in dieser Zeit und bricht die Schule ab, auch wenngleich das keine gute Lösung ist. Das Hauptproblem für uns war und ist jedoch der Siegeszug des Smartphones. Wer bei uns arbeitet, dem können wir das Smartphone nicht verbieten. Virtuelle Liebeserklärungen werden da oft für bare Münze genommen, es gibt dann kein Halten mehr. Jugendliche, die weglaufen sind nicht nur in Heimen traurige Realität geworden, bei uns gottlob noch die Ausnahme.
Doch trotz all dieser Widrigkeiten waren und sind es ehemalige Kinder, die als Betreuerinnen für Little Smile unverzichtbar geworden sind, sie machen auch den Unterschied aus. Ja und dann ist da noch Annkathrin Blank, kurz Anka. Als Freiwillige vor 18 Jahren gekommen, hat sie sich nach dem Studium entschlossen, Teil von Little Smile zu werden, ohne Wenn und Aber.
Auch wenn sie da die große Ausnahme ist und wohl auch bleibt, damals waren  Volontärinnen anders. Sie hatten mehr Motivation, ja auch Leidensfähigkeit, denn auch die braucht man am Anfang hier, waren bereit sich anzustrengen und gaben nur selten auf. Bewerbungen für einen Freiwilligendienst von mindestens 3 Monaten sind zudem sehr selten geworden. Reisen, genießen, sich selbst verwirklichen. Soziales Engagement scheint generell out zu sein, Nachhaltigkeit ist heute IN, selbst wenn man wie selbstverständlich in den Urlaub fliegt. Werteerziehung, hier wie dort, steckt in der Krise, genau wie die klassischen Wertevermittler, die Religionen.
„Liebe kann man nicht kaufen!“ Das gilt auch für Little Smile und darum sind wir so dankbar für junge Frauen wie Dikshi, die das zurückgeben, was sie einst bekommen haben, die mehr tun, viel mehr als ihre „duty“, ihre Pflicht.
Diese Menschen sind selten, sehr selten und markieren die Grenze dessen, was möglich ist. Kinder in Not gibt es so viele und deshalb werden wir nicht aufhören zu versuchen, Menschen zu formen, die bereit sind mit ihnen zu lachen aber auch zu weinen, die mit Ihnen leben, sie annehmen, ja vielleicht sogar lieben, gerade wenn sie das einem manchmal ganz und gar nicht einfach machen.