Besucher seit Januar 2005: 978271

Das Problem mit dem Geburtstag

Wie alt ist man eigentlich, wenn man den 1. Geburtstag feiert? Ein Jahr! Wirklich? Ist der erste Geburtstag nicht der Tag der Geburt? Dann wäre man, wenn man ihn feiert, irgendwas zwischen ein paar Sekunden und einem Tag alt. Und der so lange ersehnte 18. Geburtstag ist dann genaugenommen der 19. Geburtstag mit 18 erlebten Jahren. Problem gelöst? Ich glaube schon.
Ganz so einfach ist das mit dem Geburtstag von Little Smile dagegen nicht. Wann beginnt die Zeitrechnung dieses „Lächelns in den Bergen Sri Lankas“? Ich als Gründer sollte es eigentlich wissen und doch fällt die Antwort schwer. Was markiert den Anfang? Das auslösende Erlebnis, die Entscheidung in mir, Kindern in Not in Sri Lanka zu helfen, der Kauf oder die Beurkundung des Landes, auf dem dann das Kinderdorf entstehen wird? Das passierte ja schon im Herbst 1998, genaues Datum ließe sich leicht nachschauen.

Im Februar 1999 begann ich mit meinem einheimischen Bauleiter Bandulla dann die ersten Kinderhäuser zu bauen, die dann am 7. Dezember eingeweiht wurden. Zu diesem feierlichen aber extrem verregneten Fest waren meine Eltern aus Deutschland gekommen. Und weil bis sprichwörtlich zur letzten Minute gearbeitet wurde, half auch mein Vater mit am Morgen der Einweihung noch schnell die Möbel aufzustellen. Der eigentliche Geburstag aber, begann dann am Nachmittag, als die ersten Kinder in Little Smile eintrafen.
Seitdem ist kein Tag vergangen, an dem hier nicht Kinder lernten, lachten, lebten.

Es begann also am Nachmittag des 7. Dezember mit acht Kindern, fünf Mädchen und drei Buben. Feierlich ging es da freilich weniger zu, eher dramatisch, weil einige der Kinder noch Mütter hatten, mittellos zwar und außerstande für ihre Kinder zu sorgen aber prall voller Liebe. Und so wurde geheult wie bei einer Beerdigung und selbst meine Mutter, die ja trösten sollte, heulte mit. Ein tränenreicher Beginn also, bei dem ich mich, nachdem ich zusammen mit meinem Vater in den dichten Urwald geflüchtet war, schon fragte, ob das mit meinem Hilfsprojekt jetzt so weitergehen wird?

Dass es so lange weitergehen wird und ich auch nach 24 Jahren noch hier sein, ja längst hier leben würde mit mehr als 10 Mal so vielen Kindern wie an diesem ersten Tag, nicht im Traum hätte ich das gedacht und genaugenommen wundert mich das selbst. So viele Probleme, meist geboren aus Neid und Missgunst. Wie oft wurde ich belogen und betrogen, leider gerade von Menschen, denen ich geholfen hatte, vertraute. Auch das mit der Dankbarkeit hatte ich mir anders vorgestellt, musste erst schmerzhaft begreifen, dass man darauf nie hoffen und schon gar nicht bauen darf. „Tue, was du tust, weil du es für richtig und wichtig hältst!“ Nur wer nichts erwartet, ist vor Enttäuschungen sicher - sagt sich leicht, lebt sich schwer!

Am 7. Dezember 2023 wurde ich durch ein Ständchen einiger Kinder vor meinem Fenster geweckt, war verwirrt und dann sehr verwundert. Waren die jetzt völlig durchgedreht? Wir hatten meinen Geburtstag ja erst als „Fest für alle“ im September gefeiert. Es dauerte, bis ich verstand, um wessen Geburtstag es ging. Hatte es vor lauter Arbeit total vergessen und Anka, die was Termine und Daten betrifft, viel besser ist, war ja zu ihrem Jahresurlaub nach Deutschland gefahren. Es wurde ein schöner Tag, vielleicht gerade, weil er nicht von oben vorbereitet worden war. Die Betreuerinnen hatten zusammengelegt und einen Monsterkuchen backen lassen, von dem dann alle – und das heißt etwas bei 88 Damen, einem jungen und einem nicht mehr ganz so jungen Mann - ein Stück abbekamen.

Auch da fehlte Anka, die das Teilen mit traumwandlerischer Sicherheit beherrscht. Mir blieben 5 Stücke übrig, besser als wenn dann am Ende jemand leer ausgegangen wäre.
Am Abend regnete es wieder einmal in Strömen, ich hörte auf das Trommeln des Regens und das Rauschen des Baches, der längst zu einem reißenden Fluss angeschwollen war. So viele Bilder, Menschen, Begegnungen schwirrten durch meinen Kopf. Zuerst war es noch ein wildes Durcheinander, die Horden der aufgehetzten, überwiegend mit Alkohol und Geld bestochenen Horden, die das Kinderdorf niederbrennen wollten und im nächsten Moment betende Kinder im Höhlentempel, die schweren Stunden, als der Verrat so vieler Mitarbeiter deutlich wurde, gefolgt von der unvorstellbaren Freude der Kinder, als sie das erste Mal in ihrem Leben das Meer sahen. Die Enge, der Gestank vieler Leiber und von Exkrementen und die schwüle Hitze im Gefängnis und das Leuchten sowie die Tränen der Freude und Erleichterung, als ich, wie durch ein Wunder, auch diesen Anschlag auf mich und Little Smile überstand und zurückkehrte. Kurz nach der Tsunamikatastrophe dachte ich, ich könne richtig viel bewegen, ging ständig an meine Grenzen und viel zu oft darüber hinaus und rechnete nicht mit der Gier derer, die urplötzlich viel Geld in der Hand halten, das nicht ihnen gehört. Es gab wahrlich viele Herausforderungen und mein Durchhaltewille wurde und wird auf eine harte Probe gestellt. Und doch: Es ist das Positive, das Gute, das Lächeln der Kinder das bleibt, in mir wächst, ja anschwillt, wie der Bach durch den Regen, Ströme, die zu einem Meer werden, in dem all das Böse, Negative, Gemeine versinkt.
Und so schlief ich ein, in der Nacht des 24. Geburtstages von Little Smile und ich bin mir ziemlich sicher, dass da ein Lächeln auf meinem Gesicht war.