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Eichstätt am 13. September 2001


Liebe Freunde, Paten und Helfer,

angesichts des Wahnsinns in den USA, der nur einen Tag nach meiner Rückkehr aus Sri Lanka, uns wohl alle fassungslos macht, fällt es nicht leicht, zur Normalität überzugehen. Wie kann man diesen Fanatismus, diesen Hass begreifen, der unter dem Vorwand einer Religion nur zerstören, vernichten will? Und wie viele unschuldige Menschen werden jetzt als Rache leiden und sterben müssen?

Wenn ich jetzt an Sie schreibe, über die Ereignisse im Kinderdorf Little Smile, dann ist dies die einzige Antwort, die mir einfällt. Glauben Sie mir, es gibt auch viel Gutes in dieser Welt, Menschen und Ereignisse, die uns Hoffnung machen. Das Böse kann man dadurch freilich nicht ungeschehen machen, aber wir sind nicht alleingelassen, nicht ohnmächtig ausgeliefert. Jedes Kind dort, das auch durch Sie und ihr Engagement, gerade auch die Chance bekommt ein guter, wertvoller Mensch zu werden, jedes einzelne Kind ist Hoffnung, für uns, für Sri Lanka, für die Welt. Die Katastrophenbilder werden sich abnützen, der Alltag wird zurückkehren, wir werden uns wieder einmal an das Schreckliche gewöhnen, weil uns gar nichts anderes übrig bleibt. Aber ich werde weiterkämpfen, hier und in Sri Lanka, für diesen kleinen Ort am Ende der Welt, damit wenigstens dort, für diese jetzt 47 Kinder und damit auch für uns, dieses Licht der Hoffnung nicht verlöscht.

Fünf Wochen war ich mit meinem 14jährigen Sohn Manuel jetzt wieder dort. Jeder Tag, jede Stunde, jeder Moment war wertvoll. Auch dort gibt es viele Hindernisse, viele Probleme, zahllose Menschen, die nicht verstehen, nur auf ihren Vorteil achten. Nach den Bombenanschlägen auf dem Flugplatz in Colombo im Juli kam der Tourismus in diesem Land völlig zum Erliegen. Die Wahlen wurden verschoben, der Krieg im Norden nahm an Heftigkeit zu, die Preise, gerade auch für Lebensmittel, steigen fast täglich, Diesel verteuerte sich in kurzer Zeit um 100 %. Dazu kommt: In Sri Lanka herrscht eine Dürre, wie seit vielen Jahrzehnten nicht mehr. Weite Teile des Landes sind völlig ohne Wasser, selbst bei uns in den Bergen wird es Tag für Tag schwieriger. Der Strom, der ja überwiegend aus Wasserkraft kommt, wird ständig abgeschaltet, die Staudämme sind fast leer.

Nicht gerade ideale Voraussetzungen also für unser Kinderdorf. Und doch, es geht weiter! Wir haben vorausgedacht, haben eine zusätzliche Quelle gesucht, gefunden und erschlossen. Wir kommen ganz gut auch ohne Strom aus und zu Gunsten unserer Heilkräuter- und Rosenplantagen, sowie der Gemüsefelder wird halt auf das Duschen verzichtet. Wenn es allerdings nicht bald regnet, werden wir einen Teil der großen Pfefferplantagen aufgeben müssen, das Wasser aus unseren eigenen Quellen reicht einfach nicht mehr.

Ganz wichtig für das Kinderdorf: Am 15. August ist Jayawardana Mudiyansellage, der Heilonkel "Wedemama" zu uns gezogen. Nur mit Heilkräutern und seinem großen Wissen hat er im Juni und Juli die schwere Zeit einer Gelbsuchtepidemie bei den Kindern besiegt. Was aber noch viel wichtiger ist: Wedemama ist ein aufrichtiger, ehrlicher, guter Mensch und er geht den buddhistischen Weg. Durch seine Güte, natürliche Autorität, aufgrund seiner Lebenserfahrung und Offenheit ist er auch für Bandula ein wertvoller Ratgeber. Ihm habe ich die Kinderfrauen unterstellt, für unsere Kinder ist er nicht nur der Doktor sondern auch der "Große Vater" der Großvater, auf den sie hören.

Auch ein besonderes Datum war der 29. August. An diesem Tag hat der Hindupriester "Sami" unseren Tempel für Ganesh eingeweiht. Warum jetzt auch noch ein Hindutempel? Ich will, ja ich darf den Kindern nicht nur Nahrung für den Körper und für den Geist geben. Wenn es mir, wenn es uns nicht gelingt, auch das Herz dieser Kinder mit "Nahrung" zu versorgen, dann sind letztlich alle Anstrengungen vergeblich. Ich möchte ALLES versuchen, um diese jungen Menschen in ihrem Glauben zu erziehen und damit auf einen Weg zu führen zu mehr Menschlichkeit, Ehrlichkeit, Güte und Frieden. Nur dann können sie später auch die Hoffnung hinaustragen in ein von Betrug, Gewalt und Egoismus zerrissenes Land.

Drei tamilische Kinder, die beiden 10jährigen Mädchen Saundelarani und Lakshani und der 8jährige Junge Kushanta, sowie das singhalesische Mädchen Renuka (11 Jahre) und der kleine Gajan Damith konnte ich als neue Geschwister in Little Smile aufnehmen.

Anstelle von Manschula, die unseren Fahrer Priti heiraten wird (beide mussten daher das Kinderdorf verlassen), haben wir mit der Tamilin Shantamala eine wirklich gute Erzieherin gefunden.

Ich habe versucht, den Transport der Schreinereimaschinen, der ja für Ende Oktober geplant ist, beim Zoll in Colombo und bei den anderen Behörden vorzubereiten. Ich habe Vertreter der Botschaft Deutschlands und der GTZ in Kandy getroffen, ich war im Kriegsgebiet, ich habe mit den meisten der Verwandten unserer Kinder gesprochen und ich konnte mich überzeugen, dass Bandulas Familie, also seine Frau Kusuma und die Töchter Pawani, Erandi und Maheshi, zu einem wertvollen Teil des Kinderdorfes geworden sind. Obwohl ich also sehr viel zu tun hatte und die Tage einfach zu kurz waren, so habe ich doch auch wieder einige Filmaufnahmen gemacht. Am Ende des Jahres möchte ich wieder versuchen, Sie alle mit einem Video hineinzunehmen in das Kinderdorf im Jahr 2001.

Im August hatten ja auch die Kinder dort Schulferien und so hat mein Sohn Manuel sehr viel Zeit mit seinen "Brüdern" und "Schwestern" verbringen können. Er hat bei den Jungs geschlafen, abwechselnd in den Kinderhäusern gegessen, hat mit ihnen gearbeitet aber auch viel gelacht. Ich denke, diese Erfahrungen waren für beide Seiten unendlich wertvoll und weder die Kinder noch Manuel werden diese Zeit je vergessen.

Natürlich gibt es noch sehr viel zu tun. Für die Werkstatt brauchen wir eine Notstromversorgung, die neuentdeckte Quelle muss gefasst, ein weiterer Brunnen gegraben werden. Aufgrund von Drohungen haben wir begonnen, beim Eingang ein kleines Wächterhaus zu bauen. Auf halber Höhe des Grundstückes neben den Rosen muss ein weiterer großer Wassertank für die Versorgung des unteren Teils der Plantagen, Werkstätten und Angestelltenhäuser mit Wasser entstehen. 14 Punkt umfasst die Liste der notwendigen Maßnahmen, die Bandula jetzt Stück für Stück abarbeiten wird. Ganz wichtig aber: Die Kinder und ihre Erziehung werden nicht in den Hintergrund geraten..

Ihnen allen gilt mein herzlicher Dank. Ganz ehrlich, manchmal gibt es Momente, da denke ich, es wird mir zuviel, es geht nicht mehr. Aber dann gibt mir die Liebe der Kinder und das Gefühl nicht alleine zu sein die notwendige Kraft. Immer wenn wir alle zusammen am Tempel waren, zuerst bei Ganesh, danach vor der Buddhastatue und Manuel, Shantamala und ich dann auch noch bei unserem Holzkreuz, immer dann waren auch Sie mit dabei. Sehr, sehr gerne möchte ich Sie eines Tages an diesen Momenten teilhaben lassen, an einem Ort der Kraft, der Hoffnung, des Lächelns. Ich selbst werde voraussichtlich ab Ende Dezember wieder für gut 3 bis 4 Monate dort sein und sollten Sie die Möglichkeit haben, uns in dieser Zeit im Little Smile Village zu besuchen, Sie sind herzlich Willkommen.

Heute möchte ich Ihnen die Grüße der Kinder ausrichten an die Onkel und Tanten in dem fernen, kalten Land und ihr STUDY, DANKESCHÖN.

Ein herzliches Ayuboowan

Ihr Michael Kreitmeir