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Ein Licht in dunklen Momenten

Nur wenn es richtig dunkelt, sind die Sterne sichtbar.
Nur wer die Nacht kennt, kann etwas über das Licht sagen.
Glück hätte keine Bedeutung, gäbe es die Trauer nicht.
Und wer sich entscheidet, das Leben schön zu finden, wird es leichter ertragen.


Zu Weihnachten 2005 bekam ich eine Karte vom Team von STERNSTUNDEN des Bayerischen Rundfunks mit diesen Zeilen von Rainer–Maria Rilke.
Längst hat das Vergessen, ja Gleichgültigkeit die anfängliche Betroffenheit nach der Katastrophe des Tsunami abgelöst. Deutschland ist in einem kollektiven Begeisterungstaumel, ausgelöst von einem Ball der je Team von 11 Einkommensmillionären in Richtung Tor des Gegners getreten wird. Mein Sohn Manuel, der mich in den Pfingstferien überraschend hier besucht hat und das Fußballfieber in Deutschland jetzt miterlebt, berichtet mir von einem veränderten Deutschland. Begeisterung kann ansteckend sein und weit über das Ereignis hinaus wirken. Das wünsche ich meinen Landsleuten daheim nach der Fußballweltmeisterschaft. Auf eine Initialzündung habe ich auch gehofft nach der Jahrtausendkatastrophe des Tsunami. Dieser beispiellose, fast weltweite Aufbruch hin zu mehr Solidarität, diese unglaubliche Bereitschaft zu helfen. Für uns an der Front galt es diese positive Energie zu nützen, Menschen wollte ich mit hineinnehmen in dieses Boot mit Kurs “Menschlichkeit”. Ich erinnere mich an die zahllosen Veranstaltungen in Schulen, in Vereinen, jeder wollte etwas tun, viel, sehr viel Geld kam zusammen. Doch vor Ort gab es kaum Menschen und noch weniger Organisationen die sich auskannten, die wussten, wie gerade langfristige Hilfe aufgebaut werden muss. Und darum hat sich Little Smile auf so viele Abenteuer eingelassen, denn jedes Projekt in Sri Lanka ist ein Abenteuer, das es zu bestehen gilt, allen Widrigkeiten und Gefahren zum Trotz. Wir haben die große Not miterlebt und miterlitten, hervorgerufen durch die Flutwelle aber mehr noch durch Unfrieden, Streit und Gewalt unter Menschen. Viele unserer auf Langfristigkeit angelegten Projekte sind derzeit in der schwierigen Phase des Aufbaues, der Erprobung. Der leichtere Weg, ein bunt bemaltes Fischerboot mit großem Logo des Spenders oder ein Wohnhaus für eine vom Tsunami betroffene Familie ist auf Dauer nicht unbedingt die sinnvollste Hilfe. Zudem galt und gilt es zahlreiche Schwierigkeiten und Hindernisse zu überwinden, Hilfsorganisationen wurden und werden häufig diffamiert und behindert, jeder wollte und will etwas abbekommen vom großen Geldsegen. Ungeduldige Spender blieben uns gottlob erspart, niemand hat Druck ausgeübt und darum konnten wir, nach Abschluss der Soforthilfe, auch ruhig und vernünftig planen und Schritt für Schritt den richtigen Weg beschreiten. Und so hat Little Smile nicht Wohnprojekte aus dem Steppenboden gestampft, nicht Häuser gebaut, in denen niemand leben will, weil es da, wo sie gebaut wurden weder Arbeit noch Wasser gibt. Wir haben der sowieso schon stark angewachsenen Flotte der kleinen Fischerboote nicht noch weitere hinzugefügt, wir haben Kinder nicht ihren Müttern oder Verwandten weggenommen, weil sich ein Kinderheim mit Tsunamiopfern ja immer gut bei Spendern “verkaufen” lässt. Wer nur im Interesse der Sache und der Menschen arbeitet, die wirklich Hilfe brauchen, der macht sich nicht nur Freunde, auch das haben wir, habe ich zu spüren bekommen. Aber uns geht es nicht um statistische Erfolgsbilanzen, um Einweihungsfeiern mit gemieteten Tanzgruppen, um Orden und Ehren und Little Smile muss keinen großen Verwaltungsapparat durch Spendengelder aus Katastrophen finanzieren.
Doch: So groß das Interesse nach dem Tsunami auch war, so vergessen scheint inzwischen dieses Land Sri Lanka mit all den begonnen Projekten, mit den Schwierigkeiten und dem wiederbegonnen Bürgerkrieg. Im Osten schaffe ich es kaum noch, die 183 Mädchen, die dort in zwei Einrichtungen in unserer Obhut sind, zu beschützen. Folter, Vergewaltigung, das spurlose Verschwinden von Menschen, Trauer, Angst, Wut, Gewalt. So etwas gehört zur traurigen Realität auf diesem Planet und ist keine Schlagzeile wert. Und so geht es bei mir nicht um Sieg oder Niederlage in einem Fußballspiel, sondern um das tägliche Überleben. Im Kinderdorf Koslanda haben wir Gott-Seih-Dank im Moment keine Sicherheitsprobleme, aber was derzeit im Norden und Osten des Landes passiert kann ich nicht mit Worten beschreiben.
Zu allem Überfluss haben wir in Sri Lanka auch noch eine schwache, weil völlig zerstrittene Koalitionsregierung, die Behörden sind korrupter denn je und Hetze gegen Hilfsorganisationen und besonders gegen Weiße gehören offensichtlich zur Selbstfindung. De facto will man sicher auch lästige Zeugen der Massaker loswerden, mit denen die Regierungssoldaten auf Terrorakte der LTTE antworten. Kein Wunder also, dass es Momente gibt, wo man alles hinschmeißen könnte, wo man nicht mehr weiß, wo unten und oben ist, zumal wir ja, verteilt über das ganze Land sehr viel Verantwortung haben, allein 14 Großgebäude im Bau sind und das bei ständig steigenden Materialpreisen und kaum vorhandenen Facharbeitern.
Gut, dass es da unser Kinderdorf Koslanda gibt mit seinen ganz normalen Sorgen, sei es durch mehr als 20 pubertierende Mädchen, sei es durch ständige Stromausfälle und unaufhörlich steigende Lebenshaltungskosten. Heute, Dienstagmorgen am 27. Juni 2006 sind 13 Kinder krank, gestern Abend hat sich der Ehemann einer unserer Küchenfrauen vergiftet, eine leider sehr häufige Reaktion auf Probleme. Ich werde zwei Bewerbungsgespräche haben für einen leitenden Posten (die bisherigen 19 Kandidaten hatten eines gemeinsam: keinerlei Qualifikationen), der lokale Leiter eines mit deutscher Hilfe neu gebauten Kinderhauses hat große Schwierigkeiten und wird hierher kommen, um sich zu informieren (früher wäre besser gewesen). Gerade kommt der neue Wächter völlig aufgelöst zum Büro, der seit gestern im unserem Naturschutzgebiet lebt. Ein böser Geist habe die kleine Dschungelhütte heimgesucht und er könne dort nicht leben. Entweder hat ihm der vorherige Wächter einen Streich gespielt, um dort weiter ungestört wildern zu können oder der Neue möchte sich mit dem Vorschuss aus dem Staub machen, den wir ihm und seiner schwangeren Frau für den Start in den neuen Lebensabschnitt gegeben haben. Bereits am Morgen um 6 Uhr hatte mich mein Projekt-Koordinator Anton Weresingha aus Colombo angerufen. Am 1. Juni war der Container mit Hilfsgütern, die von Lenka Rühle und Ui Pickl aus Füssen organisiert und uns geschickt worden waren, im Hafen von Colombo angekommen. 27 Tage hat mir einer unserer wichtigsten Leute gefehlt, war von morgens bis abends auf der Jagd nach Papieren, Unterschriften und Genehmigungen. Nach zahllosen Frustrationen, nach endlosem Warten in Behörden und Ministerien, nach einem Formularkrieg beim Zoll und nur unter Einsatz von nicht wenig „Schmierstoff“ kam endlich die gute Nachricht. „Wir haben die Freigabe und können heute verladen und uns auf den Weg machen.“ Doch ganz ohne Wehrmutstropfen geht es auch hier nicht. Ein Teil der Güter, etwa ein sehr schöner Gaskocher, ist schon vor dem Verladen verschwunden. Wir freuen uns trotzdem auf die Geschenke aus dem Allgäu und müssen jetzt einen sicheren Lagerplatz frei räumen.

Es ist bereits kurz nach 8 Uhr am Morgen und bereits sehr schwül. Ein neuer Tag mit vielen Herausforderungen und ganz sicher weiteren Überraschungen hat begonnen.
Ja es gibt diese Momente, wo man glaubt, dass man einfach nicht mehr kann, aber die gehen vorbei und die Probleme warten, lösen sich nur selten von alleine.
Ohne das Vertrauen der Helfer in der Heimat und den teilweise unglaublichen Einsatz meines Teams hier vor Ort, könnten wir nicht schaffen, was uns letztendlich Tag für Tag gelingt, nämlich ein bisschen mehr Lächeln und Hoffnung in diese Welt zu bringen.
Um ganz ehrlich zu sein, ich wäre schon manchmal gerne dabei bei diesem rauschenden Fußballfest, hätte so gerne ab und zu Pause von Verantwortung, Sorgen und Problemen. Und so haben wir uns eine Satellitenschüssel gekauft für etwa 140 Euro, damit wir uns ab und zu ein Spiel anschauen können. Und dann, zwei Tage vor Begin der WM wurde der Firma die Lizenz entzogen, weil der Sohn eines Ministers in dieses Geschäft einsteigen will und so die lästige Konkurrenz in große Schwierigkeiten bringen wollte. So einfach geht das hier in Sri Lanka und für uns und Zigtausend andere im Land war es das dann mit der WM. Wenn mir dann, wie vor wenigen Tagen in einem unserer Außenprojekte ein Wildfremder gratuliert zum Sieg meiner Mannschaft, dann freue ich mich einfach, gerade auch weil ich es den Jungs nicht zugetraut habe, das Viertelfinale zu erreichen. Mehr noch erfüllt mich mit Freude, dass Deutschland der Welt als Gastgeber ein sehr schönes, weil lachendes Gesicht zeigt. Ich hatte schon gefürchtet meine Landsleute hätten das Lachen verlernt. Und so wünsche ich mir hier, dass das Team dort gut spielt, dass es viel Grund zur Freude in der Heimat gibt und dieses positive Gefühl auch anhält, egal wer Weltmeister wird. Nur wer selber froh ist, kann Anderen Freude bringen und vielleicht denkt der eine oder andere nach der WM auch wieder an die gegebenen Versprechen von Gestern.
Ein herzliches Ayubowan

Ihr (Euer) Michael Kreitmeir