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Weggerissen




Zum tränenreichen Abschied bekam ich von jedem der vier Schwestern ein Bild. Sie alle zeigen einen großen Mann mit vier Kindern. Vier Bilder, vier kleine Seelen, die reden möchten, denen aber niemand zuhört, weil das Recht auf Besitz der Eltern höher bewertet wird als das Recht der Kinder auf Schutz und ein wenig Glück. Auffallend an der Geschichte ist, dass es gleich vier Kinder aus einer Familie gleichzeitig betrifft, aber leider spielt sich das Rumschubsen, Hingeworfen und Weggerissen werden von Kindern immer wieder ab, auch hier in Little Smile. Und darum ist es an der Zeit, dass diese Geschichte von Nirosha, Radhika, Dilukshi und Malar einmal erzählt wird, stellvertretend für so viele nicht erzählte kindliche Dramen:
43 Tage waren sie glücklich, 42 Nächte ohne Angst. Es war wie ein viel zu kurzer Traum von einem besseren Leben, einem, auf das jedes Kind dieser Welt ein Recht haben sollte. Nun aber ward Recht gesprochen, ganz offiziell von einem professionellen Richter und der befahl die vier Schwestern zwischen 6 und 14 Jahren zurückzubringen zu ihrem gewalttätigen oft betrunkenen Vater und ihrer depressiven Mutter.

Als sie am 4. April ins Kinderdorf Mahagedara gebracht wurden, hatten sie nur die Kleidung, die sie am Leib trugen, eine Plastiktüte und viel Angst, sowohl vom Übergangsheim des Staates und seiner provisorischen Lieblosigkeit als auch von all den Eindrücken der vergangenen Wochen, diesem Gezerre und Gezanke, in dessen Mittelpunkt eine oft hysterische Mutter stand, die einmal heulend IHRE Mädchen einforderte, um kurz darauf auch ihre beiden Söhne in staatliche Obhut geben zu wollen.

Zwei Jahren dauerte nun schon dieses Hin und Her, dieses Wechselbad der Gefühle, erklärten mir die Beamtinnen vom Jugendamt und wie aussichtslos es war, einen Ort zu finden, der willens und in der Lage war, gleich vier Schwestern aufzunehmen, gerade in einer Zeit, in der viel politischer Wille herrscht, Kinderheime abzuschaffen. Gut, so mussten sie in diesem Moment zugeben, dass Little Smile noch nicht abgeschafft worden war.

Was für eine tolle Zeit hatten die Vier erwischt: Singhalesisches Neujahr inklusive dem entsprechenden Einkauf von neuen Kleidern, Ostern, die Ferien mit einem Trip an die Ostküste, wo sie zum ersten Mal das Meer sehen sollten, der problemlose Einstieg in die singhalesische Schule und nicht zuletzt das Big Girl Fest der 12jährigen Dilukshi, die damit ihre gut ein Jahr ältere Schwester Radhika überflügelte. Es gab eine sehr schöne traditionelle Feier und wir ließen es auch zu, dass die Mutter an diesem besonderen Tag kam, den kleinen Bruder auf dem Arm, die Großmutter im Schlepptau. Was für eine Ironie: An diesem Freudentag, für viele Mädchen in Sri Lanka der wohl fröhlichste im Leben, begann für die vier Schwestern das Glück zu verschwinden. Die Mutter hatte einen ihrer depressiven Tage, weinte fast ohne Unterlass und machte ihrer ältesten Tochter Nirosha, wohlgemerkt noch nicht mal 15 Jahre alt, heftige Vorwürfe, sie mit dem gewalttätigen Ehemann alleine zu lassen. Sie sei schuld am Leiden der Mutter, so das Kind schluchzend, als es sich an diesem Abend in den Schlaf weinte.

Ich verlangte eine Besuchssperre, doch auch die Mutter beantragte vor Gericht, ihre Mädchen zurück zu bekommen. Und plötzlich wurde das Ganze auch noch politisch! Diese Kinder sind Tamilinnen, auch wenn sie in die singhalesische Schule gehen und die singhalesische Sprache besser beherrschen als ihre Muttersprache. Tamilische Kinder aber den Eltern wegzunehmen, um sie den singhalesischen Behörden anzuvertrauen? Garantiert würde irgendeine der zahlreichen so genannten Menschenrechtsorganisationen auf diesen Zug aufspringen, das Ganze würde ja so schön ins vorgefertigte Bild von Tätern und Opfern passen. Wer interessiert sich da noch für das Recht dieser vier Mädchen auf Unversehrtheit, auf Frieden und vielleicht sogar auf ein Lächeln? Waren es nicht genau die Organisationen, die sich angeblich dem Schutz von Kindern verschrieben haben und damit Millionen machen, die die Abschaffung aller Kinderheime in Sri Lanka gefordert haben, wohlwissend dass Kontrolle nur in und über solche Einrichtungen möglich ist, nicht aber, wenn Kinder der Willkür, Unfähigkeit und leider oft auch Gewalt in den Familien ausgesetzt sind.
Die vier Schwestern ahnten nichts von all dem, sie hatten den unheilvollen Besuch der Mutter verdrängt, nur die Älteste hatte manchmal Alpträume und Tränen in den Augen, wenn sie von ihrer Mutter sprach oder auch nur an sie dachte. Mit viel Geduld war es uns gelungen Nirosha klar zu machen, dass sie am Schicksal ihrer Mutter nichts ändern könne und schon gleich gar nicht schuld sei, dass ihre Eltern so viele Probleme miteinander hätten. Sie solle nun gut lernen, dann einen Beruf finden, um später ihrer Mutter helfen zu können, wenn diese alt sei. Dieser Gedankengang leuchtete der 14jährigen nicht nur ein, er gab ihr Hoffnung und ein klares Ziel: LERNEN.
Ich war baff, wie schnell alle Vier begannen Englisch zu sprechen, wie viele Fragen sie hatten und wie unproblematisch sie dieses für sie so andere Leben annahmen.
Und dann, völlig überraschend, kam der Anruf vom Jugendamt. Der Richter hatte entschieden, dass Mutter und Vater nicht nur nach Mahagedara kommen und ihre Kinder sehen können, sondern dass wir sie am Samstag, den 17. Mai wieder dem Jugendamt übergeben müssen. Am darauf folgenden Montag dann sollten sie vom Gericht offiziell ihren Eltern übergeben werden, nicht zum ersten und wie ich fürchte auch nicht zum letzten Mal.

Wir waren freundlich als die Eltern kamen, hatten sogar Plätzchen gebracht, die die Mutter jedoch ungeöffnet einsteckte, vermutlich für die beiden hungrigen Buben daheim. Keines der Mädchen näherte sich dem Vater, alle hielten meterlange Abstände, die Älteste stellte sich mit ihrem dünnen Körper schützend zwischen Vater und Mutter. Diese so gut gemeinte und doch so hilflose Geste zeigte all die Ohnmacht, all das Ausgeliefertsein in eine Welt, in der mir auch Mutter und Vater nur noch zu reagieren schienen, sprachlos miteinander, unfähig ihre eigenen Kinder vor den Folgen ihres eigenen Scheiterns als Individuen und in ihrer Beziehung zu schützen.
 








Auch die Mädchen schienen das intuitiv zu spüren, nützten an den letzten beiden Tage, die ihnen nach diesem Besuch noch blieben, jede Chance mir nahe zu sein, so als wollten sie sich versichern, dass sie mich, dass sie Little Smile nicht verlieren würden.

Und dann drückte mir jedes der Mädchen ein Bild in die Hand, ein letzter Blick, winken, weinen.

Und wieder waren sie auf dem Weg in eine unsichere Zukunft.
Kurzmeldung:

Am Montag, den 19. Mai 2014 ereignete sich vor dem Magistratgericht in Bandarawella Ungeheuerliches.
Als der Richter die vier Mädchen der Mutter zusprechen wollte, meldete sich die 13jährige Radhika. Mit zitternder aber klarer Stimme bat sie den Richter, sie doch dort leben zu lassen, wo jemand für sie da war, wo sie zum ersten Mal Liebe bekommen hatte. Als der Richter dann, völlig verdutzt, alle Mädchen befragte, ob sie denn nicht zur Mutter zurück möchten, entschied sich auch die zwölfjährige Dilukshi sie wolle mit ihrer Schwester Radhika nach Little Smile zurückkehren.
Nachwort:
In diesem Bericht habe ich die Namen der Kinder verändert und keine Fotos veröffentlicht, auf denen die Mädchen zu erkennen sind. Auch wenn hier Vieles sehr persönlich ist, habe ich mich entschlossen, diese Zeilen zu veröffentlichen, denn viel zu oft wird über Kinder Recht gesprochen und zwar so, dass ihr Recht auf ein wenig Glück auf der Strecke bleibt. Kinder können und dürfen nie Besitz sein, auch nicht für Eltern!  Leider sind es gerade die Eltern oder nahe Verwandte, die vielen unserer Kinder das größte Leid zugefügt haben.